Mutter und Kind

19. August 2017

 


Eine besondere Bronzeplastik entdeckt man auf dem Vorplatz der Goetheschule im Berliner Viertel. Sie wurde von dem Rüsselsheimer Adam Konrad gestiftet, weil er seiner Heimatstadt aus Dankbarkeit etwas zurückgeben wollte. Adam Konrad wurde in Rüsselsheim geboren und lebte bis 1944 in Berlin.

Der Bildhauer Jürgen H. Block hat die 1962 aufgestellte Bronzefigur entworfen. Gegossen wurde sie in Düsseldorf von der Kunstgießerei Schmäke. Die Komposition erinnert mich an das Gemälde „Goethe in der Campagna“ von Johann Heinrich Wilhelm Tischbein. Sie ist eine Ehrbekundung an die Mutter. Nur noch zwei Schraubenlöcher im Sockel erinnern daran, dass einst eine Bronzetafel auf der Stirnseite mit einem Spruch von Wilhelm Raabe angebracht war:

Keine Weisheit der Welt gibt uns das, was uns ein Blick und ein Wort der Mutter geben kann.

 

Text und Foto: Jasmin Weiß
Die Skulptur „Mutter und Kind“ von 1962

Als am 15. Dezember 1962, einem regnerischen Tag, die Skulptur „Mutter und Kind“ (oder, wie sie auch genannt wird, „Mutter mit zwei Kindern“ ) vor der Rüsselsheimer Goetheschule, einer Grund- und Hauptschule, eingeweiht wurde, war dies für ihren Stifter Adam Konrad ein ganz besonderer Tag (Rüsselsheimer Echo, 17.12.1962).

Das Denkmal ist eine Bronzeplastik auf einem Steinsockel, die drei Figuren zeigt: eine erwachsene Frau, die mit übereinandergeschlagenen Beinen auf einer Art Récamiere sitzt, sowie – jeweils seitlich von ihr – zwei Kinder. Zu ihrer rechten Seite kniet ein Mädchen, es trägt Rock und Hemd und hat die Haare zu einem Zopf geflochten. Das Mädchen hält die Hand der Frau und schaut ihr direkt ins Gesicht, diese erwidert den Blick mit geöffnetem Mund. Das Kind zu ihrer linken Seite trägt lediglich ein Hemd, sein Geschlecht ist auf den ersten Blick nicht direkt erkennbar. Es lehnt seitlich auf dem Schoß der Frau, die ihren Arm über seinen Nacken legt und nach der rechten Hand des Mädchens greift, die es über den Schoß in Richtung des anderen Kindes streckt. Das Denkmal steht (soweit bekannt) seit seiner Einweihung zwischen Parkplatz und Haupteingang der Goetheschule im Berliner Viertel von Rüsselsheim.

Die Veranstaltung zur Einweihung des Denkmals wurde von Beiträgen des Gesangvereins „Volkschor“ und des Schülerchors der Grundschule untermalt, die sich zu Beginn der 1960er-Jahre gerade im Umbau befand. Außerdem anwesend waren der damalige Stadtrat Alfred Schmidt, der Bildhauer und Künstler Jürgen H. Block und der Stifter des Denkmals Adam Konrad selbst (vgl. ebd.). Konrad und Block äußerten sich beide bei dieser Veranstaltung zur Intention, Gestaltung und zum Hintergrund des Denkmals, was das Rüsselsheimer Echo in seiner Berichterstattung ebenfalls aufgriff: So gab der Bildhauer an, dass es sich bei den Figuren um eine Mutter handele, die ihre etwa acht Jahre alte Tochter und ihren etwas jüngeren Sohn im Arm halte. Mit den Blickrichtungen von Mutter und Tochter sowie den geöffneten Mündern habe er den Dialog der Figuren andeuten wollen. Weitere Erklärungen nannte er nicht, sondern meinte, dass das Denkmal für sich selbst sprechen solle. Ansonsten ergänzte er nur, dass für seine Arbeit ein Zitat des Schriftstellers Wilhelm Raabe (1831–1910) Vorgabe gewesen sei. Dieses Zitat konnte man bei der Einweihung auch auf einer Tafel an der Sockelfront des Denkmals nachlesen: „Keine Weisheit der Welt gibt uns das, was uns ein Wort und ein Blick der Mutter gibt. Gestiftet von Adam Konrad, 1962“. Die Tafel mit der Aufschrift existiert inzwischen nicht mehr. Irgendwann ging sie verloren, wobei nicht abschließend geklärt werden konnte, warum sie entfernt wurde. Die letzte Aufnahme des Denkmals mit der Inschrift stammt aus dem Jahre 1978 und ist im Archiv des Heimatvereins von Rüsselsheim (mit dem Vermerk „Foto Flörsheimer“) erhalten.

Bei der Denkmalweihe kam auch der Lebensweg des Stifters Adam Konrad zur Sprache, der einige interessante Anhaltspunkte für die Konzeption des Kunstwerks liefert: Adam Wilhelm Konrad wurde am 18. April 1887 in Rüsselsheim geboren (vgl. HHStAW) und lernte in der Firma Opel den Beruf des Drehers. Nach seinem 18. Lebensjahr zog er von Rüsselsheim weg nach Berlin, wo er die Ingenieursschule besuchte und sich der Gewerkschaftsbewegung anschloss. Im Werkmeisterverband war er einige Jahre Vorsitzender in Groß-Berlin, bis er 1933 abgesetzt und in ein Lager eingewiesen wurde. Dank seines Ingenieurswissens durfte er jedoch während des Krieges bei der Firma Henschel und Sohn arbeiten. Nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem er seine beiden Söhne verlor, wurde er Bürgermeister in Johannisthal, wo er im Zuge des Volksaufstands in der DDR am 17. Juni 1953 entlassen wurde und daraufhin beschloss in den Westen zu flüchten (vgl. Rüsselsheimer Echo, 17.12.1962). Vier Jahre später starb seine Frau Charlotte Marie Konrad, geb. Lippoldt, mit der er seit 1912 verheiratet war (vgl. LaB). Ab 1958 lebte Adam Konrad wieder in Rüsselsheim. Zum Zeitpunkt der Einweihung des Denkmals war er bereits 75 Jahre alt (vgl. Main-Spitze, 17.12.1962). Er verstarb am 27. Dezember 1965 in Rüsselsheim.

Stadtrat Schmidt beschrieb in seiner Ansprache bei der Denkmalweihe das innige Verhältnis von Adam Konrad zu seinem Elternhaus, speziell zu seiner Mutter, das er als „das innigste Verhältnis, das es in der menschlichen Gemeinschaft gibt“ (Rüsselsheimer Echo, 17.12.1962), bezeichnete. Adam Konrad erklärte bei dieser Gelegenheit, dass es sein Herzenswunsch gewesen sei, seiner Heimatstadt etwas zurückzugeben und sie um „einen ideellen Wert“ (ebd.) zu bereichern. Für ihn war das Denkmal zweifelsohne Ausdruck seiner Verbundenheit mit Rüsselsheim, aber auch ein Erinnerungszeichen für seine eigene Familie und besonders für die beiden Söhne, die er frühzeitig verloren hatte.

Wenn man sich die Figurengruppe genauer anschaut, wird man erkennen, dass ihr ein bestimmtes Frauenbild eingeschrieben wurde, das nach heutigem Verständnis mit einer Überhöhung und Idealisierung der Mutterfigur einhergeht (vgl. Stelzig-Willutzki, Weidtmann 2018, 49). Trotz der Instrumentalisierung dieses Rollenklischees während des Nationalsozialismus war es noch lange in der Nachkriegszeit verbreitet und konnte mit einer großen Zustimmung in der Öffentlichkeit rechnen. Erst der gesellschaftliche Aufruhr in den späten 1960er-Jahren und die erwachende feministische Bewegung im folgenden Jahrzehnt dürften zu einer veränderten Sicht auf das Denkmal geführt haben.

Das mag auch erklären, warum es inzwischen weitgehend aus dem kulturellen Gedächtnis der Stadt Rüsselsheim verschwunden ist (vgl. Göckes 2016; SPD Rüsselsheim 2016). Adam Konrad wäre sicherlich froh, wenn seine Stiftung nicht ganz in Vergessenheit geraten und das Wenige, was noch bekannt ist, sichergestellt würde. Die vorliegende Dokumentation mag dazu beitragen.

Literatur

Göckes, Robin (2016). Kunst in Rüsselsheim. Warum die SPD im Opel Kapitän über Kunst nachdenkt. 

http://www.ruesselsheimer-echo.de/lokales/ruesselsheim/Warum-die-SPD-im-Opel-Kapitaen-ueber-Kunst-nachdenkt;art57641,2260085 [14.09.2018]

Schmoll, Friedemann (2005). Denkmal. Skizzen zur Entwicklungsgeschichte eines öffentlichen Erinnerungsmediums. Jahrbuch für deutsche und osteuropäische Volkskunde, 47, 1–16. 

SPD Rüsselsheim (2016). Kunst im öffentlichen Raum in Rüsselsheim. https://www.spd-ruesselsheim.de/2016/10/06/kunst-im-oeffentlichen-raum-in-ruesselsheim/ [14.09.2018]

Stelzig-Willutzki, Sabina & Weidtmann, Katja (2018). Zur Geschichte der Familienwissenschaft in Deutschland. Eine Skizze. In: Wonneberger, Astrid; Weidtmann, Katja & Stelzig-Willutzki, Sabina (Hg.). Familienwissenschaft: Grundlagen und Überblick (43–72). Wiesbaden.

Otto, Rudolf (1988). Kunstdenkmäler und Kunst am Bau in Rüsselsheim. Rüsselsheim.

Quellen

HHStAW (Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden). Geburtsregister Rüsselsheim: Geburtsurkunde Adam Wilhelm Konrad. Bestand: 906; laufende Nummer: 422.

LaB (Landesarchiv Berlin). Namensverzeichnis zum Heiratsregister der Berliner Standesämter 1912. P Rep. 221.

Main-Spitze vom 17. Dezember 1962 (Stadtarchiv Rüsselsheim).

Rüsselsheimer Echo vom 17. Dezember 1962 (Heimatverein Rüsselsheim 1905 e.V.).

Rüsselsheimer Echo vom 19. Oktober 2017: Denkmäler in Schulen und Kindergärten (Stadtarchiv Rüsselsheim).


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