Der Bauschheimer Schellenmann

13. November 2020

Text: Theresa Pape & Paula Onusseit
Der Bauschheimer Schellenmann
Seit 2004 erinnert eine Bronzestatue in Bauschheim an den einstigen Ortsdiener der Gemeinde. Das 1,63 Meter große Denkmal wurde aufgrund einer Initiative von Heinz und Annelie Schneider aufgestellt, die dabei durch den örtlichen Bau- unternehmer Horst Trapp (1939–2020) Unterstützung fanden. Die Idee, dem Ortsdiener ein Denkmal zu setzen, kam dem Ehepaar im Herbst 2000. Inspiriert wurden die Schneiders durch ähnliche Standbilder in anderen Orten wie zum Bei- spiel im rheinland-pfälzischen Göllheim. Der „Schellenmann“ in Bauschheim ist ein Denkmal für alle Bürger, wie das Ehepaar in einem Interview 2020 betonte. Um für ihre Idee zu werben, organisierten die Schneiders im Sommer 2001 ein Spendenfest. Es folgten weitere Veranstaltungen, auf denen sich die
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Bauschheimer von dem Projekt überzeugen ließen. Am Ende kamen so viele Spen- dengelder zusammen, dass damit die 11.235 Euro teure Statue vollständig finan- ziert werden konnte. Horst Trapp stiftete zudem einen Sandsteinsockel, auf dem der Ortsdiener seinen Platz fand (vgl. Thomas 2004). Bei der Gestaltung der Sta- tue orientierte sich der mit der Umsetzung beauftragte Künstler Klemens Pom- petzki (1932–2019) vor allem an einer Fotografie des letzten Bauschheimer Aus- rufers Richard Daum. Nach seinem Gipsentwurf wurde die Statue von Steffen Ranft von der Glocken- und Kunstgießerei Rincker aus Sinn in Bronze gegossen (vgl. Thomas 2004). Enthüllt wurde das Ortsdiener-Denkmal in der Bauschhei- mer Brunnenstraße schließlich im Rahmen eines Bürgerfestes am 3. Juli 2004.
Die Statue erinnert an die einstige Bedeutung des Ortsdieners. Bis 1958 wur- den offizielle Mitteilungen von ihm in Bauschheim ausgerufen (vgl. Senska 2006, 99). Zur Mittagszeit fuhr er mit dem Fahrrad durch den Ort, hielt an jeder Stra- ßenecke an und läutete mit seiner Glocke. Dann verkündete er wichtige Informa- tionen wie die Termine der Müllabfuhr oder anstehende Feste. Wegen seiner Glo- cke nannte man den Ortsdiener auch Ausscheller oder Schellenmann. Neben dem Ausrufen hatte er weitere Aufgaben. So pflegte er zum Beispiel die Obstbäume der Gemeinde und war für die Faselhaltung (Zuchttierhaltung) zuständig, wie Horst Guthmann und Rudolf Kowallik in einem Interview 2020 erklärten. Mit ihrem Denkmal wollten das Ehepaar Schneider und Horst Trapp eine bleibende Erinne- rung an Alt-Bauschheim schaffen, auch weil ältere Bauschheimer den letzten Aus- rufer Richard Daum noch persönlich kannten. Mittlerweile ist die Statue zu einem Identifikationspunkt für den ganzen Ort geworden und aus Bauschheim nicht mehr wegzudenken.
Quellen und Literatur
Interview mit Horst Guthmann und Rudolf Kowallik, geführt am 31. Januar 2020 von Theresa Pape und Paula Onusseit in Bauschheim.
Interview mit Heinz und Annelie Schneider, geführt am 31. Januar 2020 von The- resa Pape und Paula Onusseit in Bauschheim.
Senska, Gudrun (Hg.) (2006). Rüsselsheim wächst zusammen 1945–1970 (Die Reihe Archivbilder). Erfurt.
Thomas, Peter (2004). Neuer Schnurrbart kurz vor dem Guss. Rüsselsheimer Echo, 15. März

Das Interview wurde am 31.01.2020 von Theresa Pape und Paula Onusseit im Kontext einer studentischen Forschungsarbeit der Johannes Gutenberg-Universität Mainz zur Denkmal- und Erinnerungskultur in Rüsselsheim am Main geführt. Gesprächsprotokoll von Theresa Pape und Paula Onusseit.
- eigentlich Ortsdiener/Gemeindediener, Begriff „Schellenmann“ wenig genutzt
- Statuen auch in Bodenheim, Göllheim (in RLP verbreitet) Inspiration für das
eigene Denkmal
- Erinnerung an Alt-Bauschheim (letzter Ortsdiener Richard Daum persönlich bekannt)
- Idee im Herbst 2000, Vorstellung im Frühjahr 2001
- Figur des Künstlers Theo Rörig (Bildhauer, hat Göllheimer Ortsdiener geschaffen) für
ein Spendenfest geliehen  Skulptur im Garten als Werbung für das eigene Projekt
- Kosten der überlebensgroßen Figur: 18.000 bis 20.000 €
- wegen hoher Kosten: Idee, Figur kleiner zu gießen und auf Sockel zu stellen (wie Schoppestecher am Proviantamt in Mainz)
- Sockel aus Sandstein von Horst Trapp gearbeitet und gespendet
- Aussehen des Ortsdieners
- Wo trägt der Diener die Glocke? (unten; historischem Bild Richard Daums nachempfunden)
- keine Uniform, sondern normale (Arbeits-)Kleidung; Überlegung: Batschkapp (nicht realisiert)
- Finanzierung (Kosten insgesamt: 11.235 €)
- Spendenfest am 04.08.2001; 4.500 DM Spenden
- Pflanzenbörse
- Kleiderbasar
- Weihnachtsbaumschmücken
- Veranstaltung im Bürgerhaus mit Peter Beck („Begge Peder“)
- Spenden der Bevölkerung (Motivation vor allem durch Bekanntheit und
Einfluss der Schneiders (Gesangsverein, Politik/CDU))
- Projekt „Von Bauschheim für die Bauschheimer“ (Zitat Heinz Schneider)
- Standort vor historischem Hintergrund (Fachwerkhäuser in der Brunnen-, ehemals Hauptstraße)
- Entwurf und Modell: Clemens Pompetzki, Guss: Steffen Ranft (Gießerei Rincker)
- Einweihung mit Straßenfest
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03. und 04.07.2004 Logo für den Ortsdiener
„Nach der Einweihung haben wir den Ortsdiener feierlich dem Magistrat der Stadt Rüsselsheim übergeben“ (Zitat Heinz Schneider)
- Bedeutung des Denkmals
- „Da hängt sehr viel Herzblut dran“ (Zitat Heinz Schneider) und Aufregung
- Identifikationspunkt für Bauschheimer
- einziger „Wehmutstropfen“: Beet vor dem Denkmal (Schneiders pflegen
Denkmal noch immer, obwohl es in Obhut der Stadt ist) - Erinnerungskultur
- 5-Jahres-Jubiläum: Umtrunk und Politur der Statue
- 10-Jahres-Jubiläum: Umtrunk
- 15-Jahres-Jubiläum: nur privater Umtrunk (Problem der Finanzierung, Horst
Trapp erkrankt)
Frage nach dem Denkmal „Frau“ (in Zeitungsartikeln erwähnt)
- eigentlich „Die Nachbarin“ (Skulptur des schwäbischen Künstlers Martin Kirstein)
- nach Verkauf der Gaststätte „Frau“ auch Abverkauf der Skulptur (Stadt Rüsselsheim
wollte sie nicht übernehmen)
- hat nichts mit dem Ortsdiener zu tun, nur zeitliche Nähe (polarisiert!)
Frage nach dem Hintergrund des Namens „schwarz Wolf“ (in Zeitungsartikel erwähnt)
- Bürger Bauschheims mit schwarzen Haaren
- Vorgänger Richard Daums; ist noch durch den Ort gelaufen

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