Alte Synagoge

29. August 2017


Im Jahre 1845 entstand im Ortskern der Stadt Rüsselsheim eine neue Synagoge. Damit erhielt die jüdische Gemeinde ein neues religiöses und gemeinschaftliches Zentrum, in dem sich neben dem Gebetsraum auch eine jüdische Schule und ein rituelles Tauchbad, eine sogenannte Mikwe, befand.

Die Grausamkeiten des Nationalsozialismus machten auch vor Rüsselsheim nicht halt und forderten viele jüdische Opfer. Während der Reichsprogromnacht 1938 zerstörten SA-Männer die Inneneinrichtung der Synagoge komplett. Da ein Teil des Hauses von einem nichtjüdischen Ehepaar bewohnt wurde, verzichtete man aber auf seine völlige Zerstörung. Anschließend wurde es von einem Architekten zu einem Spottpreis erworben. Er machte aus der einstigen Synagoge ein Wohn- und Bürogebäude. Im Zuge der Umbauten ging jeder Bezug zu dem einstigen Gotteshaus verloren. Ebenso verschwand die jüdische Gemeinde. Wer sich für die Naziopfer in Rüsselsheim interessiert, sollte unbedingt das Kunstprojekt Stolpersteine zur Kenntnis nehmen.

Seit 2005 wird das Gebäude nicht mehr als Wohnhaus genutzt. Es wurde von der GEWOBAU Rüsselsheim mit dem Auftrag erworben, dort eine Gedenkstätte für die jüdische Gemeinde einzurichten. Am 1. August 2008 wurde die Stiftung „Alte Synagoge“ gegründet, um genau diesem Auftrag nachzukommen, nämlich dem Gebäude und den Menschen, die dort einst ihrer Religion nachgingen, den nötigen Respekt zu zollen und die Erinnerung an sie zu bewahren. Neben einer Gedenktafel erinnern stilisierte Fenster und eine angedeutete Eingangstür an der Fassadenseite des Gebäudes an seine einstige Nutzung als Synagoge. 


 

Text und Foto: Fatma Cevik

Die Synagoge von 1845

Die jüdische Gemeinde in Rüsselsheim entstand vermutlich in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts (vgl. Museum der Stadt Rüsselsheim 1980, 2). Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts nahm die Zahl der in Rüsselsheim ansässigen Bürger mit jüdischem Glauben stetig zu. „1713 lebten in Rüsselsheim 22 Juden, bis 1858 stieg ihre Zahl langsam auf 123 oder 5,9% der Einwohner an. Danach nahm sie wieder ab und lag 1930 bei 34. Dies entsprach 0,5% der Stadtbevölkerung“ (Scholten 2011, 5). Das Verhältnis zwischen Juden und Christen in Rüsselsheim wurde in der Zeit vor der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten von Zeitzeugen als insgesamt gut und nachbarschaftlich beschrieben (vgl. Heimatverein Rüsselsheim 1987, 24).
Bereits im 18. Jahrhundert, möglicherweise sogar noch früher, existierte in Rüsselsheim eine Synagoge (vgl. Museum der Stadt Rüsselsheim 1980, 15). Nachdem diese baufällig geworden war, plante die im 19. Jahrhundert stark angewachsene Gemeinde einen Neubau. Die Kosten dafür konnten allerdings die Gläubigen nicht alleine aufbringen. Erst nach einem Spendenaufruf war die Finanzierung gesichert und das Gebäude konnte 1845 in der Mainzer Straße 19 eingeweiht werden (vgl. ebd.). Als 1929 dessen Renovierung fällig wurde, mussten abermals Spenden in größerem Umfang gesammelt werden. Neben vielen Rüsselsheimern spendeten auch die Opel AG und die Familie Opel hohe Geldbeträge. Die Baupläne für die Renovierung wurden zudem vom Stadtbaumeister kostenlos zur Verfügung gestellt. Nach Fertigstellung der Bauarbeiten wurde die Wiedereröffnung mit einem Tag der offenen Tür gefeiert, zu dem alle Rüsselsheimer eingeladen waren (vgl. ebd., 18).
Die Rüsselsheimer Synagoge war der Mittel- und Treffpunkt der jüdischen Gemeinde. Sie diente als Ort für den Gottesdienst, die Erziehung und das Gemeinschaftsleben. Im Gotteshaus fanden etwa der Schulunterricht der Jungen und ihre Vorbereitung auf die Bar Mitzwa statt. Ein rituelles Frauenbad, die sogenannte Mikwe, soll sich ebenfalls dort befunden haben (vgl. ebd., 15). Die Einrichtung der Synagoge bestand nur aus wenigen zweckdienlichen Gegenständen und Kultgerätschaften (vgl. ebd., 18). In der Reichspogromnacht am 9. November 1938 verschaffte sich eine SA-Einheit Zutritt zum Gebäude und demolierte seine Inneneinrichtung. Dass es dabei nicht wie viele andere Synagogen in Deutschland in Flammen aufging, verdankte das Rüsselsheimer Gotteshaus dem Zufall, dass in seiner ersten Etage eine christliche Familie lebte, die Hausmeistertätigkeiten in der Synagoge verrichtete. Sonst wäre das Gebäude vermutlich zerstört worden (vgl. Schuster 2005).
Nach dem Gewaltexzess wurde die jüdische Gemeinde enteignet und ihr Gotteshaus noch im selben Jahr von dem Architekten Ferdinand Wagner für nur 4.000 Reichsmark aufgekauft und zu einem Wohnhaus umgebaut. Der eigentliche Wert des Gebäudes und Grundstückes dürfte geschätzt bei über 11.000 Reichsmark gelegen haben (vgl. Scholten 2011, 8). Beim anschließenden Umbau der Synagoge wurden typisch jüdische Stilelemente wie die Rundbogenfenster entfernt. Auch der Davidstern, der sich über dem Eingang befand, wurde beseitigt und durch ein Arbeiterrelief im Stil der Nazikunst ersetzt (vgl. Schmidt 2006). Bis auf einen goldbestickten Thorawimpel und die Protokollbücher der Gemeinde wurden laut eines Polizeiprotokolls vom 16. März 1939 alle anderen Gegenstände aus der Synagoge vernichtet (vgl. ebd.). Das Gebäude diente in den folgenden Jahrzehnten hauptsächlich als Wohnhaus. 2005 wurde es zum Verkauf angeboten und von der Wohnbaugesellschaft der Stadt Rüsselsheim erworben. Seitens der Stadt erfolgte der Beschluss, das Gebäude als Erinnerungsstätte an das jüdische Leben in Rüsselsheim zu nutzen. Zu diesem Zwecke wurde 2008, gemeinsam mit der Wohnbaugesellschaft, die Stiftung alte Synagoge ins Leben gerufen (vgl. Landesarbeitsgemeinschaft o. J.). Die Stiftung finanzierte die Umbauten am Haus sowie die Neugestaltung des Innenhofes und der Fassade, an der man mit Reliefs die einstigen Rundbogenfenster wieder andeutete (vgl. Jäger 2016). Die Einweihung des Gebäudes fand am 11. September 2016 statt. Heute dient es als Erinnerungs- und Veranstaltungsort, der von der Stiftung betreut wird. Ihre Aufgabe formuliert sie wie folgt: „Im Mittelpunkt der Stiftungsarbeit steht neben der Erforschung der Geschichte der jüdischen Gemeinde die Förderung des Dialogs und des gegenseitigen Verständnisses der in Rüsselsheim lebenden Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religion“ (Stadt- und Industriemuseum Rüsselsheim o. J.). Mit der Veranstaltung von Vorträgen, Diskussionen, Workshops oder Lesungen versucht die Stiftung dieser Aufgabe nachzukommen.

Literatur

Heimatverein Rüsselsheim (1987). Rüsselsheim und seine Umgebung in Vergangenheit und Gegenwart. Rucilin, 10, 21–26.
Jäger, Markus (2016). Wiederherstellung der alten Synagoge in Rüsselsheim schreitet voran – Einweihung im September. Main-Spitze, 14.6.2016.
Landesarbeitsgemeinschaft der Gedenkstätten und Erinnerungsinitiativen zur NS-Zeit in Hessen (o. J.). Stiftung alte Synagoge. http://www.gedenken-in-hessen.de/?page_id=455 [08.09.2018].
Museum der Stadt Rüsselsheim (1980). Juden in Rüsselsheim: Katalog zur Ausstellung vom 12. Oktober – 31. Dezember 1980. Rüsselsheim.
Schmidt, Elfriede (2006). Begegnen, Erinnern, Forschen. Echo Online, 31.01.2006.
Scholten, Jens (2011). Jüdisches Leben in Rüsselsheim: Einladung zu einem Rundgang. Rüsselsheim.
Schuster, Ralf (2005). Gewobau kauft alte Synagoge. Main-Spitze, 26.11.2005.
Stadt- und Industriemuseum Rüsselsheim (o. J.). Begegnen – Erinnern – Forschen. https://www.museum-ruesselsheim.de/41-0-Stiftung-alte-Synagoge.html [08.09.2018].


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