19. August 2017
MAHNMAL MENSCHLICHKEIT


Hinter der Mauer
Ein Ort, der nicht laut sein muss
Es gibt Mahnmale, die sich in den Himmel strecken. Denkmäler, die Namen tragen. Große Gesten, schwere Formen, pathetische Zeichen.
Und dann gibt es dieses Mahnmal.
Errichtet wurde es 2004 von der Initiative Forum Urbanum. Auf den ersten Blick wirkt es fast zurückhaltend. Keine heroische Figur. Kein Sockel, der sich über die Menschen erhebt. Keine Inszenierung von Größe.
Es erscheint zunächst wie eine einfache Mauer.
Vielleicht ist genau das seine Kraft.
Denn diese Mauer erzählt nicht alles sofort. Sie zwingt einen nicht mit einem lauten Bild in die Erinnerung. Sie fordert etwas anderes: Nähe. Aufmerksamkeit. Den Schritt, hinter die sichtbare Fläche zu schauen.
Man muss sich bewegen.
Den eigenen Blick verändern.
Hinter die Fassade treten.
Und dort beginnt die Geschichte.
Vor der Mauer
Am 24. August 1944 wurde die Crew von 2nd Lt. Norman J. Rogers Jr. bei Hannover abgeschossen. Die Männer konnten sich mit Fallschirmen retten, wurden aber kurz darauf gefangen genommen. Zur Besatzung gehörten John N. Sekul, Haigus Tufenkjian, Thomas D. Williams Jr., William A. Adams, Elmore L. Austin, Sidney Eugene Brown und William A. Dumont. Sie sollten zum Verhör ins Durchgangslager der Luftwaffe nach Oberursel gebracht werden.
In der Nacht vom 25. auf den 26. August 1944 wurde Rüsselsheim schwer bombardiert. Große Teile des Opelwerks wurden zerstört, die Stadt schwer getroffen. Das Stadtarchiv hält fest, dass die meisten Opfer dieses Angriffs Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter der Adam Opel AG waren.
Am Morgen des 26. August wurde der Zug mit den amerikanischen Kriegsgefangenen kurz vor Rüsselsheim gestoppt. Die Gleise waren durch den Luftangriff beschädigt. Deshalb mussten die Männer zu Fuß weiter. Ihr Weg führte mitten durch die Rüsselsheimer Innenstadt.
Manchmal beginnt ein Verbrechen nicht mit einem Plan.
Manchmal beginnt es mit einem Weg.
Mit zerstörten Gleisen.
Mit einem Umweg.
Mit Menschen, die aus den Bunkern kommen und ihre zerstörte Stadt sehen.
Mit einem Blick, der im anderen keinen Menschen mehr erkennt.
Der 26. August 1944
In Rüsselsheim herrschte an diesem Morgen eine schreckliche Stimmung. Viele Menschen kamen gerade aus den Luftschutzräumen. Sie sahen die Zerstörung. Sie sahen Gefangene in Fliegeruniformen. Viele hielten die Männer fälschlicherweise für kanadische Piloten, die am Angriff auf Rüsselsheim beteiligt gewesen seien. Sie wurden als „Terrorflieger“ beschimpft, bespuckt und mit Steinen beworfen.
Doch diese Gewalt entstand nicht im luftleeren Raum.
Die NS-Propaganda hatte den Begriff des „Terrorfliegers“ bewusst verbreitet. Alliierten Flugzeugbesatzungen wurde Menschlichkeit abgesprochen. Das Regime hatte solche Taten nicht nur geduldet, sondern durch Hetze und Anweisungen möglich gemacht. Das Portal „Zum Feind gemacht“ beschreibt, wie Propaganda und Befehle der NS-Führung die Bevölkerung ermutigten, völkerrechtliche Regeln im Umgang mit Kriegsgefangenen zu ignorieren.
Die Männer waren wehrlos. Kriegsgefangene.
Durch die Genfer Konvention geschützt.
Menschen, die sich nicht verteidigen konnten.
Aber für einen Moment sah die Menge nicht mehr Menschen.
Sie sah Feinde.
Schuld.
Projektionsflächen für Angst, Verlust und Wut.
Die Hetzjagd
Was folgte, war keine spontane Auseinandersetzung. Es war eine Hetzjagd.
Die Männer wurden durch die Straßen verfolgt. Sie wurden mit Steinen, Dachziegeln, Knüppeln, Metallstangen, Schaufeln und Hämmern angegriffen. Laut der rekonstruierten Darstellung von „Zum Feind gemacht“ wuchs die Menge auf etwa 200 Menschen an. Die begleitenden Wachsoldaten griffen nicht mehr ein; nur wenige, wie der pensionierte Lehrer Christoph Keil, versuchten zu deeskalieren — ohne Erfolg.
Irgendwann kamen die Männer an der Mauer in der Grabenstraße an.
Dort brachen sie zusammen.
An diesem Ort, an dieser Mauer, verdichtet sich die ganze Unmenschlichkeit dieses Tages. Nicht als abstrakte Geschichte. Nicht als Kriegsgeschehen irgendwo an einer Front. Sondern mitten in einer Stadt. Unter Menschen. Auf einer Straße, auf der man hätte stehen bleiben und sagen müssen:
Bis hierhin. Nicht weiter.
Vier Schüsse an der Mauer
Das Stadtarchiv beschreibt den Moment klar: Die Piloten wurden so lange gejagt und misshandelt, bis sie an der Mauer der Grabenstraße bewusstlos zusammenbrachen. Der NSDAP-Ortsgruppenleiter erschoss vier von ihnen. Zwei weitere starben vor Ort an ihren schweren Verletzungen. Sidney Eugene Brown und William Adams stellten sich tot.
Auch LAGIS hält fest, dass insgesamt sechs US-Soldaten bei dem kollektiven Lynchmord starben; vier von ihnen wurden vom NSDAP-Ortsgruppenleiter erschossen, nachdem sie regungslos am Boden lagen. Zwei überlebten schwer verletzt, weil sie sich tot stellten.
In der Mauer des Mahnmals befinden sich vier historische Steine.
Ich kann nicht sicher sagen, ob sie offiziell genau dafür stehen. Aber für mich lassen sie sich kaum anders sehen als als Verweis auf diese vier Schüsse. Vier Steine für vier Menschen, die an dieser Mauer nicht nur Opfer eines Mobs wurden, sondern gezielt erschossen wurden, als sie bereits am Boden lagen.
Vier Steine.
Vier Einschreibungen.
Vier Wunden in einer Mauer.
Die Namen
Sechs der acht amerikanischen Soldaten wurden ermordet:
Elmore L. Austin
William Dumont
Norman Rogers
John Sekul
Haigus Tufenkjian
Thomas D. Williams
Zwei überlebten:
William Adams
Sidney Eugene Brown
Sie überlebten, weil sie sich tot stellten. Später wurden die regungslosen Körper auf einen Karren geladen und zum Friedhof gebracht. Von dort konnten Brown und Adams fliehen.
Aber Überleben bedeutet nicht, dass etwas vorbei ist.
Wer so einen Tag überlebt, trägt ihn weiter. In Erinnerung, im Körper, in Träumen. In der Frage, warum man selbst noch atmet, während andere nicht mehr aufstehen konnten.
Diese Namen gehören zu Rüsselsheim.
Nicht, weil die Stadt sie sich ausgesucht hat.
Sondern weil hier etwas geschehen ist, das nicht aus der Geschichte herausgelöst werden darf.
Der Friedhof und die Flucht
Auf dem Friedhof war die Gewalt noch nicht vorbei.
„Zum Feind gemacht“ beschreibt, dass die Männer auf einem Karren zum Waldfriedhof gebracht wurden. Sidney Eugene Brown hörte seine Kameraden noch stöhnen. Dort wurde John Sekul von einem SA-Mann mit einem Knüppel auf den Kopf geschlagen und starb. Brown wurde ebenfalls getroffen, aber nicht tödlich. Als Fliegeralarm ausgelöst wurde und die Deutschen Schutz suchten, konnten Brown und William Adams sich später unter den Körpern ihrer Kameraden befreien.
Sie flohen, versteckten sich, wollten in Richtung Schweiz. Fünf Tage später wurden sie am Rhein entdeckt, festgenommen und wieder der Luftwaffe übergeben. Danach kamen sie in Kriegsgefangenenlager.
Das macht die Geschichte noch schwerer.
Nicht einmal der Mordversuch war der letzte Schrecken.
Selbst das Überleben führte nicht sofort in Sicherheit.
Nach dem Krieg: Prozess und Schweigen
Als die US-Armee am 25. März 1945 in Rüsselsheim einmarschierte, begann die Aufarbeitung des Verbrechens sehr schnell. Zeuginnen wurden verhört, Täterinnen ermittelt. Bereits im Juli 1945 kam es zu einem Prozess gegen elf Rüsselsheimerinnen und Rüsselsheimer. Einer der ersten Kriegsverbrecherprozesse der Nachkriegszeit.
Die Angeklagten wurden auf die Verletzung der Kriegsgesetze angeklagt. Laut „Zum Feind gemacht“ ging es um den Mord an unbewaffneten Kriegsgefangenen und damit um Verstöße gegen die Genfer Konventionen und die Haager Landkriegsordnung. Der Prozess dauerte sechs Tage, über 40 Augenzeug*innen wurden angehört.
Acht Angeklagte wurden zum Tode verurteilt; die Todesurteile gegen die beiden Frauen wurden später in lebenslange Haftstrafen umgewandelt.
Und trotzdem fiel danach lange Schweigen über die Stadt.
Die Stadt Rüsselsheim schreibt zum 80. Jahrestag, dass nach der Lynchtat eine lange Phase des Schweigens einsetzte, die erst Ende der 1980er-Jahre wieder aufgebrochen wurde.
Auch das ist Teil dieser Geschichte.
Nicht nur die Tat.
Auch das Schweigen danach.
Kunst als Störung des Vergessens
Mit der Zeit geriet das Schicksal der amerikanischen Piloten in Rüsselsheim in Vergessenheit. Erst Hans Diebschlags Bild „Wir lieben das Marschieren“ von 1992 brachte es wieder hervor. Als es 1995 aus dem Ratssaal entfernt werden sollte, löste es eine öffentliche Debatte aus, weil es Fastnachtsmarsch und die marschierenden Schatten der Vergangenheit miteinander verband. Unter den Stiefeln waren die Umrisse der ermordeten Flieger zu erkennen.
Ich finde diesen Zusammenhang wichtig.
Denn hier zeigt sich, was Kunst im öffentlichen Gedächtnis leisten kann.
Sie stört.
Sie reibt.
Sie lässt nicht zu, dass eine Stadt bequem an sich selbst vorbeischaut.
Und erst mehr als ein Jahrzehnt später entstand das Mahnmal, das am 26. August 2004, dem 60. Jahrestag der Ereignisse, eingeweiht wurde. Zur Einweihung kam auch Sidney Eugene Brown.
Hinter der Fassade
Dass das Mahnmal wie eine Mauer wirkt, ist für mich mehr als eine Form.
Eine Mauer trennt.
Sie verdeckt.
Sie schützt manchmal.
Und manchmal verhindert sie, dass wir sehen, was dahinterliegt.
Vielleicht ist dieses Mahnmal deshalb so stark. Es macht aus dem Sehen eine Entscheidung. Man kann daran vorbeigehen und nur eine Wand sehen. Oder man hält an, nähert sich, schaut genauer hin.
So funktioniert Erinnerung oft.
Auf den ersten Blick ist da Alltag.
Straße. Stadt. Vorbeigehen.
Erst dahinter liegt die Geschichte.
Rückkehr und Versöhnung
Sidney Eugene Brown kehrte 60 Jahre später nach Rüsselsheim zurück.
Allein diese Rückkehr berührt mich.
Denn was bedeutet es, an einen Ort zurückzukehren, an dem man beinahe ermordet wurde? An einen Ort, an dem Freunde starben? An einen Ort, der im eigenen Leben für Angst, Gewalt und Verlust steht?
Und trotzdem kam er zurück.
Nicht um Rache zu suchen.
Nicht um Hass zu bestätigen.
Sondern als Zeichen gegen Unmenschlichkeit.
Als Zeichen für Erinnerung.
Für Versöhnung.
Für die Möglichkeit, dass ein Ort sich seiner Vergangenheit stellt.
Vielleicht ist das einer der schwersten Wege: nicht zu vergessen, aber trotzdem nicht im Hass zu bleiben.
So gehört auch Sidney Eugene Brown zu den leuchtenden Vorbildern der Stadt.