Alte Opel Rennbahn*

29. August 2017

In den 20er Jahren die schnellste Rennstrecke Europas, der Ovalkurs mit den hohen Steilwandkurven, ermöglichte Geschwindigkeiten von bis zu 140 km/h. Von 1919 bis 1930 wurde die Strecke sowohl für Rennen als auch als Opel Teststrecke genutzt.

Hier wurde unteranderem der legendäre Raketenwagen Opel RAK1 getestet. Ab den 30er Jahren sind der Nürbugring und der Hockenheimring für Rennen interessanter gewesen und ab 1946 wurde die Rennbahn stillgelegt. In ihren Hochzeiten, kamen bis zu 50000 Menschen zu den Rennen.

Heute  hat sich  die Natur ihr Reich zurück erobert, die im Wald gelegenen Reste der Rennstrecke kann man nur noch zu einem ganz kleinen Teil wieder erkennen. Die Aussichtsplattform mit der Geschichte und historischen Bildern gibt den Hauch von dem Gefühl wieder. Wenn man in der Stille des Waldes die Augen schliesst kann man ganz leise noch das Motorengeheule wahrnehmen.

Die ersten Hinweise für den Bau einer Opel-Rennbahn lassen sich im Stadtarchiv von Rüsselsheim in Form eines Antrags an den Gemeinderat vom 17. Dezember 1914 finden. Der Vorgang betrifft die Herabsetzung der Kiespreise für den Bau einer „Einfahrbahn“ am Hof Schönau südlich der Stadt. Eine solche war zu diesem Zeitpunkt dringend nötig, da durch die rasante technische Entwicklung in der Automobilindustrie das Opel-Werksgelände für Testfahrten längst nicht mehr ausreichend war. Dementsprechend wurden diese zunehmend in der Stadt und Umgebung von Rüsselsheim durchgeführt, was wegen der Lärmbelastung zu Unmut in der Bevölkerung führte. Aufgrund des steigenden politischen Drucks und auf Wunsch des Landgrafen wurde im Jahr 1915 endgültig der Bau einer Teststrecke beschlossen. Der Bischofsheimer Bauunternehmer Jakob Ritzert, der noch ein persönlicher Freund von Adam Opel (1837–1895) war, wurde von dessen Sohn Carl (1869–1927) mit der Planung des Projekts beauftragt. 1917 wurde mit den Bauarbeiten begonnen, zwei Jahre später konnten sie offiziell abgeschlossen werden.

Die Opel-Rennbahn war ein 1,5 km langer, ovalförmiger Rundkurs mit einer Streckenbreite von zwölf Metern, der durch Kurvenüberhöhungen bis zu 32 Grad Geschwindigkeiten von bis zu 140 km/h ermöglichte, was für die damaligen Verhältnisse ein geradezu unglaubliches Tempo darstellte. Diese Gegebenheiten sollten der Einfahrbahn bald den Ruf der schnellsten Rennstrecke Europas einbringen. Die ersten Rennen, die dort stattfanden, waren allerdings keine Auto-, sondern Fahrradrennen. Dies hing damit zusammen, dass die Firma Opel in den 1920er-Jahren einer der weltweit größten Fahrradhersteller war. Am 30. Mai 1920 wurde zum Eröffnungsrennen der neu erbauten Fahrbahn eingeladen. Die Mitglieder des Rüsselsheimer Radfahrer-Vereins „Vorwärts“ traten dort in verschiedenen Altersklassen gegeneinander an. Das erste Motorsportrennen ließ aber nicht lange auf sich warten. Es handelte sich um einen gemischten Wettbewerb für Automobile und Motorräder, der am 24. Oktober 1920 stattfand und an dem unter anderem Fritz und Hans von Opel teilnahmen.

Dies war der Startschuss für eine Dekade der Rennsportbegeisterung, bei der die Opel-Bahn eine zentrale Rolle spielte. Bereits 1923 fand dort ein Rennen der 46 besten Fahrer aus aller Welt statt, dem nicht weniger als 50.000 Menschen als Zuschauer beiwohnten. Diese Zahl ist umso beachtlicher, wenn man bedenkt, dass Rüsselsheim damals nur rund 8000 Einwohner hatte.
Um einem so großen Publikum gerecht zu werden, musste die richtige Infrastruktur geschaffen werden. Die Rennbahn war umringt von Holztribünen, wobei es zusätzlich fünf Ehrenlogen für die Familie Opel und andere prominente Gäste gab. Inmitten des Rings wurde ein Erdwall aufgeschüttet, von dem aus der Großteil des Publikums das Geschehen auf Stehplätzen verfolgen konnte. Hier befanden sich auch verschiedene Verkaufsbuden, in denen Essen und Getränke angeboten wurden. Zur sicheren Überquerung der Fahrbahn wurde 1925 eine Fußgängerbrücke errichtet. Die Popularität der Strecke wurde von der Firma Opel natürlich auch zu Werbezwecken genutzt. Zusätzlich erwiesen sich Paraden und Vorführungen wie die „Opel-Schau“ 1924 als echte Publikumsmagneten. Bei dieser Gelegenheit wurde zum Beispiel die gesamte Tagesproduktion des Werks unter musikalischer Begleitung durch die Opel-Kapelle präsentiert.

Ein weiteres wichtiges Ereignis auf der Opel-Rennbahn waren die Raketenexperimente von Fritz von Opel (1899–1971). 1928 startete er eine Reihe von Versuchen, wobei der Opel-Ingenieur und Rennfahrer Kurt Volkhart (1890–1959) am 12. März die erste Testfahrt mit einem Raketenfahrzeug auf der Strecke unternahm. Die zunächst unter Verschluss gehaltenen Tests wurden schon wenige Monate später öffentlich gemacht, nachdem die Technologie hinreichend ausgereift war. Schnell entwickelte sich aus diesen Testfahrten ein Spektakel, das auf immense Begeisterung bei den Zuschauenden stieß und zeigt, wie erfolgreich und innovativ Opel in den 1920er-Jahren war.
Der enorme Erfolg neigte sich aber schon bald dem Ende zu. Bereits in den 1930er-Jahren wurde die Opel-Rennbahn den in der Automobilherstellung rasch gestiegenen Anforderungen nicht mehr gerecht. Auch beim Bau von neuen Rennstrecken hatte sich seither einiges getan. Der 1927 eröffnete Nürburgring und der 1932 fertiggestellte Hockenheimring boten viel größere Streckenlängen und waren damit wesentlich attraktiver für den Rennsport. Daher fanden auf der Opel-Rennbahn nun nur noch vereinzelt Rennen oder Testfahrten statt. 1946 nahm man von ihrer weiteren Nutzung ganz Abstand. Drei Jahre später lief auch der Pachtvertag für das Gelände mit dem naheliegenden Wasserwerk aus. In den Beton der Strecke wurden Löcher gebohrt und Bäume gepflanzt, deren Wurzeln die Fahrbahn sprengen sollten, um sie unbenutzbar zu machen.

Heute ist das Gelände im Besitz der Stadt Mainz, die weiterhin das Wasserwerk betreibt. Die alte Opel-Rennbahn ist inzwischen nur noch in Resten zu erkennen. Diese wurden allerdings 1987 als technisches Kulturdenkmal ausgewiesen. Zudem wurde 2013 die einstige Nordkurve durch ein Besucherpodest ergänzt. Dafür wurde der entsprechende Teil der Strecke freigelegt und zahlreiche Infotafeln aufgestellt. 2018 erfolgte die Gründung des Vereins „Kulturdenkmal OPEL Rennbahn e.V.“, der die Piste erhalten und sogar wieder begehbar machen möchte. Eine komplette Rekonstruktion der Bahn ist allerding nicht mehr möglich, da durch die Verlegung der Landstraße L3012 mitten durch das Gebiet der ehemaligen Opel-Rennbahn diese für immer zerstört wurde.

Quellen

Text und Foto: Paul Schöttl
Stadtarchiv Rüsselsheim (SAR): Akte 16.2, Rennbahn Prüffeld.


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