Gefallenenehrenmal (Parkschule)

26. August 2017

Ein umstrittenes Denkmal zwischen Expressionismus und Nazi-Ästhetik: Eigentlich als Mahnmal gedacht, das an die Schrecken des Ersten Weltkrieges erinnern sollte und im Gedenken an die Opfer errichtet wurde, steht hier der heroische Kriegsheimkehrer im Mittelpunkt der Darstellung. Das lässt an klassische Vergeltungspropaganda denken. Das Ehrenmal wurde von Dr. Wilhelm von Opel bei Ludwig Spiegel in Auftrag gegeben und 1930 errichtet. In der damaligen Werkszeitung von Opel, „Opel-Geist“, hieß es dazu:

„Schaffen wir die unerlässlichen Voraussetzungen für unseren Wiederaufstieg, für unseren endgültigen Sieg und vollenden damit, was unsere Gefallenen erstrebt haben: ein freies, glückliches Volk auf freiem Grund! Diese Erkenntnis verpflichtet aber gegenüber den Toten: Ehren wir ihr Gedächtnis, indem wir ihren Willen vollstrecken.“

 

Text und Foto: Aaron Hock & Carina Kühn
Das Ehrenmal von 1930

Die reiche und nicht immer unumstrittene Geschichte dieses Denkmals lässt sich schon daran erkennen, dass in den Quellen keine einheitliche Benennung zu finden ist. Die Namen reichen von „Gefallenenehrenmal“ (Artmap) über „Ehrenmal für die Gefallenen des Weltkriegs 1914/1918“ (Aktenbeschriftung Stadtarchiv) oder „Kriegerehrenmal“ (Einladungsschreiben zur Einweihung 1930, StAR, II, 2, 2) bis hin zu „Ehrenmal für die Gefallenen von Rüsselsheim“ (Einladungsschreiben an den hessischen Staatspräsidenten 1930, ebd.), um nur einige Beispiele zu nennen.
Die Anfänge des Denkmals lassen sich bis in die Zeit des Ersten Weltkriegs zurückverfolgen. Schon 1915 startete der Rüsselsheimer Heimatverein eine Initiative zur Errichtung eines Gedenkortes für die gefallenen Söhne der Stadt. Gedacht war an einen Ehrenhain, in dem für jeden Toten eine Eiche gepflanzt werden sollte (vgl. Brief vom 21.02.1915, StAR, II, 1). Warum diese Bestrebungen nicht weiterverfolgt wurden, ist nicht dokumentiert.
Erst aus dem Jahre 1924 lassen sich wieder Akten finden, die in eine vergleichbare Richtung weisen: Die Rüsselsheimer Ortsgruppe des Reichsbundes der Kriegsgeschädigten, Kriegshinterbliebenen und ehemaligen Kriegsteilnehmer stellte Finanzmittel von unbekannter Höhe für die Errichtung eines Kriegerehrenmals bereit (vgl. Brief vom 19.08.1924, StAR, II, 1, 34). Außerdem belegen Sammellisten der Bürgermeisterei Rüsselsheim aus dem Jahr 1924 eine Spendenaktion der Rüsselsheimer Bürger/innen, wobei Beträge zwischen 50 Pfennig und 20 Mark, in aller Regel jedoch ein bis drei Mark gespendet wurden (vgl. Sammelliste 1926, StAR, II, 1, 34). Schließlich waren es die Großindustriellen Wilhelm von Opel und Fritz Opel, die der Stadtverwaltung das Angebot unterbreiteten, ein solches Denkmal zu stiften, wünschten sie sich doch, die „Erinnerung an die Toten des Kriegs uns Überlebenden und der Nachwelt, für die sie ihr Leben hingaben, wachzuhalten“ (Brief vom 17.09.1929, StAR, II, 1, 36). Dieses Angebot wurde angenommen und die Stadtverwaltung sicherte Wilhelm von Opel zu, dass die Gestaltung des Denkmals „ganz nach Ihren und den Wünschen Ihres Herrn Bruder Fritz erfolgen“ sollte (Brief vom 14.10.1929, StAR, II, 1, 36).
Bereits einen guten Monat später wurden Vorschläge zur Ausführung des Ehrenmals vorgebracht, die sich zum Teil im fertigen Denkmal wiederfinden lassen. So sollte die „Geschichte Rüsselsheims in den Kriegs- und Nachkriegsjahren an Hand einer Reihe in Bronze gegossener Halbreliefs“ dargestellt werden (Brief vom 22.11.1929, StAR, II, 1, 35). Der Anspruch war, „der Einstellung der Stifter entsprechend ein in edelstem Sinne pazifistisches Symbol“ (ebd.) zu schaffen, weshalb unter anderem ein „Genius, der um Frieden fleht“ (ebd.) Teil der Figurengruppe werden sollte, die schließlich jedoch so nicht realisiert wurde. Mit der Gestaltung des Denkmals wurde der Stuttgarter Künstler Ludwig Spiegel beauftragt (vgl. Brief vom 21.05.1930, StAR II, 2, 1), der später auch noch den Auftrag für den Rüsselsheimer Kurbelwellenmann erhielt. Gegossen wurde die Bronzestatue in Stuttgart bei der Württembergischen Metallwarenfabrik (vgl. Brief vom 03.07.1997, StAR, II, 2, 2).
Die Einweihung des Denkmals, das vor der Bürgermeisterei im Palais Verna seinen Platz finden sollte, erfolgte in Absprache mit den Brüdern Opel am 23. November 1930. Im Anschluss an die Festgottesdienste in der evangelischen und katholischen Kirche führte ein Festzug vom Marktplatz bis zum Ehrenmal. Eingeladen waren neben der gesamten Einwohnerschaft von Rüsselsheim alle ortsansässigen Vereine und Glaubensgruppen mit der Möglichkeit, zur Ehrung der Gefallenen einen Kranz niederzulegen. Unerwünscht war dagegen die offizielle Teilnahme von Vertretern politischer Parteien. Ein gesondertes Schreiben richtete die Ehrenmals-Kommission an die NSDAP mit der Aufforderung, den Feierlichkeiten nicht in Uniform beizuwohnen und von der Einladung auswärtiger Parteimitglieder abzusehen (vgl. StAR, II, 2, 2).
Ganze sechzig Jahre wurde das Denkmal nicht „aktenkundig“, bis Jutta Duchmann, Stadtverordnete der „Grünen“, das Werk als „kriegsverherrlichend“ (Rüsselsheimer Echo, 16.06.1990) bezeichnete und damit eine öffentliche Diskussion um dessen „protofaschistischen“ Gehalt auslöste. Hieran lässt sich beispielhaft aufzeigen, wie unterschiedlich die Interpretationen eines historischen Dokumentes, wozu auch ein derartiges Denkmal gezählt werden kann, in verschiedenen Zeiten ausfallen können. Während zum Beispiel die Gestaltungsvorschläge von 1929 die Intention offenbarten, auf einer der Relieftafeln des Denkmals einen „Fliegerangriff auf eine Fabrikstadt“ (Brief vom 22.11.1929, StAR, II, 1, 35) zu zeigen, beschreibt ein Kritiker des Denkmals die entsprechende Tafel 1990 in einem Leserbrief als ein „von den Opelwerken aufsteigendes Fliegergeschwader“ (Rüsselsheimer Echo, 21.07.1990). Doch es bedarf nicht einmal eines großen zeitlichen Abstandes für derart unterschiedliche Sichtweisen: Eine andere Tafel, auf der laut Gestaltungsvorschlägen ein Tank zu sehen sein soll, der einen Schützengraben überrollt (vgl. Brief vom 22.11.1929, StAR, II, 1, 35), wurde vom Rüsselsheimer „Heimatspiegel“ 1931 als ein „Infanterieangriff auf englische Tanks“ (Heimatspiegel, 19.01.1931) interpretiert.
Im März 2006 wurde das Denkmal an seinem alten Standort im ehemaligen Amtsgarten abgebaut und für ein gutes Jahr restauriert, wobei der Sockel komplett erneuert wurde (vgl. Main-Spitze, 16.03.2006). Schließlich wurde es an der Ecke Ludwig-Dörfler-Allee/Frankfurter Straße vor der neu errichteten Cafeteria der Parkschule wieder aufgestellt (vgl. Main-Spitze, 26.10.2007).
Denkmalgeschichtlich weist das Ehrenmal deutliche Züge des für die Zwischenkriegszeit üblichen Umgangs mit der Erinnerung an die Gefallenen des Ersten Weltkrieges auf. So schreibt Schmoll (2005, 10) über den damaligen Gefallenenkult: „Die militärische Niederlage, Millionen von Kriegstoten, der Untergang der alten Gesellschaft – all das scheint fatal, wenn es nicht einen moralischen Sinn erhält. Kontinuität also ist im Moment einer solch fundamentalen historischen Zäsur erst recht vonnöten.“
Die Figurengruppe auf dem Ehrenmal zeigt einen zurückkehrenden Soldaten, der von einer Frau ein großes Zahnrad übernimmt. Es sieht so aus, als würde er zu jener Arbeit zurückfinden, die er bei Ausbruch des Krieges liegenlassen musste und die in seiner Abwesenheit von jenen weitergeführt wurde, die nicht an der Front kämpften. Die aufrechte Darstellung des Mannes, nackt und mit breiter Brust, lässt an einen Helden denken, der aus dem Krieg – unversehrt – heimgekehrt ist und nahtlos dort weitermacht, wo er einst aufgehört hat. Seine Darstellung versinnbildlicht die für diese Zeit typische Verdrängung des persönlichen Leids und der immensen Trauer, die „durch einen antiquierten Helden- und Märtyrermythos überhöht und aufgelöst“ (Schmoll 2005, 10) werden sollte. Diese Interpretation wird nicht zuletzt durch einen zeitgenössischen Beitrag in den vom Rüsselsheimer Heimatverein herausgegebenen Blättern „Die liebe Heimat“ gestützt, der 1935 erschien (vgl. Sturmfels 1935, 22f.). Andere Deutungen gehen davon aus, dass es sich bei dem dargestellten Soldaten nicht um einen wieder heimkehrenden, sondern um einen scheidenden Krieger handelt, der in den Krieg zieht und seine Arbeit in die Hand der zurückbleibenden Frau legt. Auch in dieser Hinsicht weist das Denkmal einen weiten Interpretationsspielraum auf, der sich wahrscheinlich nicht nur durch den historischen Wandel eröffnet hat, sondern schon von Anfang an gegeben war.

Quellen und Literatur

Heimatspiegel vom 19.01.1931 (StAR).
Main-Spitze vom 16. 03.2006, 26.10.2007 (StAR).
Rüsselsheimer Echo vom 16.06.1990, 21.07.1990 (StAR).
StAR II, 1, 32–38.
StAR II, 2, 1–2.
StAR: Sammlung Denkmäler, Kriegerdenkmal Parkschule.
Schmoll, Friedemann (2005). Denkmal. Skizzen zur Entwicklungsgeschichte eines öffentlichen Erinnerungsmediums. In: Jahrbuch für deutsche und osteuropäische Volkskunde, 47, 1–16.
Sturmfels, Wilhelm (1935). Das Ehrenmal für die im Weltkrieg Gefallenen. Die liebe Heimat, 22f.

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