3. Mai 2026

ZWEI PINGUINE

Ein stilles Paar aus Stein

Am Böllenseeplatz stehen zwei Pinguine.

Nicht laut. Nicht monumental. Nicht aufdringlich. Sie stehen dort, als würden sie schon immer zu diesem Platz gehören. Eine kleine Plastik aus Stein, geschaffen 1957 von Irmgard Helfrich. 1,20 Meter hoch. Ein großer Pinguin und ein kleiner, abstrahiert, reduziert, fast zeichenhaft.

Der kleine Pinguin schmiegt sich an den großen. Zwischen beiden entsteht eine Bewegung, die nicht viel erklären muss. Nähe. Schutz. Wärme. Zusammenhalt.

Heute ist dem großen Pinguin der Schnabel abgebrochen. Eine Verletzung im Stein. Ein Verlust, der sichtbar bleibt. Und doch steht die Figur weiter da. Vielleicht erzählt gerade diese Beschädigung etwas über die Zeit, über den öffentlichen Raum, über das, was bleibt, obwohl etwas fehlt.

Tiere der Kälte, Zeichen der Nähe

Pinguine leben in Gegenden, in denen Wärme nicht selbstverständlich ist. Sie überleben nicht allein durch Stärke, sondern durch Gemeinschaft. Sie rücken zusammen, schützen ihre Jungen, wechseln die Plätze, teilen Körperwärme. In ihrem Bild liegt etwas Zärtliches und zugleich Widerstandsfähiges.

Der Pinguin steht deshalb für Fürsorge. Für Elternschaft. Für Treue. Für das Aushalten widriger Bedingungen. Für das Wissen, dass man manchmal nur überlebt, wenn man sich aneinander hält.

Bei Irmgard Helfrichs Plastik wird genau dieses Gefühl sichtbar. Der große Pinguin ist nicht einfach größer. Er ist Halt. Der kleine Pinguin ist nicht einfach kleiner. Er ist Vertrauen. Zwischen beiden liegt eine stille Beziehung, die ohne Pathos auskommt.

Es ist eine Skulptur über Schutz.

Und vielleicht auch über das Kindsein.

Ein Platz im Wiederaufbau

Dass diese Plastik am Böllenseeplatz steht, ist kein Zufall ohne Bedeutung.

Die Böllenseesiedlung gehört zu jenen Rüsselsheimer Quartieren, in denen sich die Geschichte der Nachkriegszeit in Häusern, Wegen und Plätzen eingeschrieben hat. Nach 1945 brauchte die wachsende Industriestadt dringend Wohnraum. Rüsselsheim war geprägt von Wiederaufbau, Arbeit, Zuzug und dem Wunsch, nach Zerstörung und Mangel wieder einen Alltag zu finden.

Die Böllenseesiedlung wurde Teil dieses Versprechens: Wohnungen für Familien, Räume für Kinder, Nachbarschaft, Licht in den Fenstern, kurze Wege, ein Platz in der Mitte.

Hier wurde nicht nur gebaut. Hier wurde versucht, Zukunft bewohnbar zu machen.

In diesem Zusammenhang bekommt die Plastik eine besondere Tiefe. Zwei Pinguine, ein großer und ein kleiner, mitten in einem Quartier, das für Familien, Neuanfang und soziale Nähe stand. Ein Bild aus Stein für das, was eine Siedlung geben sollte: Schutz, Halt, Zugehörigkeit.

Nachbarschaft als Wärme

Die Böllenseesiedlung erzählt nicht von Reichtum oder Repräsentation. Sie erzählt vom Alltag. Von Treppenhäusern, Schulwegen, Spielplätzen, Wäscheleinen, Einkaufstaschen, Kinderstimmen und Menschen, die aus verschiedenen Gründen hier ankamen.

Für viele war die Siedlung ein erster fester Ort. Ein Anfang. Ein Zuhause nach Unsicherheit. Für manche nach Krieg und Vertreibung. Für andere später nach Migration, Arbeitssuche, Familiengründung oder dem Versuch, in einer neuen Stadt Fuß zu fassen.

Gerade deshalb passt das Bild der Pinguine so gut an diesen Ort.

Denn auch eine Siedlung ist im besten Fall ein Wärmekreis. Menschen leben Wand an Wand. Man kennt die Geräusche der anderen. Man grüßt sich. Man streitet. Man hilft. Man wächst auf. Man verliert sich wieder aus den Augen. Und trotzdem bleibt etwas Gemeinsames zurück.

Die zwei Pinguine erinnern daran, dass Stadt nicht nur aus Gebäuden besteht. Stadt entsteht dort, wo Menschen einander wahrnehmen.

Die Verletzung im Stein

Der abgebrochene Schnabel des großen Pinguins verändert die Figur.

Er macht sie verletzlich. Er zeigt, dass Kunst im öffentlichen Raum nicht außerhalb der Zeit steht. Sie ist Wetter, Berührung, Vernachlässigung, Zufall und manchmal auch Gewalt ausgesetzt. Sie altert anders als Kunst im Museum. Sie lebt mit dem Ort.

Doch gerade diese Beschädigung kann man auch als Teil ihrer Geschichte lesen.

Der große Pinguin hat etwas verloren, aber seine Haltung bleibt. Der kleine schmiegt sich weiterhin an ihn. Die Beziehung zwischen beiden ist stärker als die fehlende Form.

Vielleicht liegt darin eine unbeabsichtigte, aber berührende Wahrheit: Schutz bedeutet nicht Unversehrtheit. Man kann beschädigt sein und trotzdem Halt geben.

Leise Zeichen

Für mich ist diese Plastik eines der leisen Zeichen der ArtMap.

Sie zeigt keine Heldengeste. Kein großes historisches Ereignis. Keine Macht, keinen Sieg, keinen Ruhm. Sie zeigt Nähe.

Ein großer Pinguin.
Ein kleiner Pinguin.
Ein Körper, der Schutz gibt.
Ein anderer, der sich anvertraut.

Am Böllenseeplatz, inmitten einer Siedlung des Wiederaufbaus, wird daraus mehr als eine Tierfigur. Es wird ein Bild für das, was Menschen nach Brüchen suchen: einen Ort, an dem man sich anlehnen darf.

Vielleicht ist das die eigentliche Geschichte dieser Plastik.

Dass nach Krieg, Verlust und Neubeginn nicht nur Wohnungen gebraucht wurden, sondern auch Zeichen. Kleine Formen im öffentlichen Raum, die sagen:

Hier darf Leben wieder beginnen.
Hier darf Nähe sein.
Hier darf jemand groß genug sein, damit ein anderer sich anlehnen kann.

STANDORT

Navigiere direkt zum passenden Ort.
Lädt …
Du hast Fragen?