3. Mai 2026

WEGMARKEN

Zeichen aus Beton

Im Einkaufszentrum Dicker Busch II stehen vier Betonplastiken.

Sie entstanden 1971 und stammen von Scherer und Neufert aus Kelsterbach — denselben Künstlern, die im selben Jahr auch die Bronzeplastik „Tanzende Kinder“ vor dem Kindergarten in der Amselstraße in Haßloch-Nord geschaffen haben. Der ursprüngliche Titel dieser Arbeiten im Dicker Busch ist nicht bekannt. Die einzelnen Betonplastiken sind etwa 2,50 Meter hoch.

Schmale, hohe Körper. Säulenartige Formen. Reliefs aus Linien, Rillen, Bögen, Rechtecken und Wiederholungen. Sie wirken wie Zeichen einer Sprache, die niemand mehr ganz lesen kann, die aber trotzdem etwas erzählt.

Vielleicht könnte man sie heute „WEGMARKEN“ nennen.

Denn genau so stehen sie da: wie Schwellen. Wie Markierungen eines Übergangs. Wie stille Begleiter an einem Ort, an dem sich Wege trennen und Erinnerungen sammeln.

Ein Ort, den die Zeit vergessen hat

Die Plastiken stehen vor dem heutigen Stadtteiltreff. Einem Ort, der seltsam unberührt geblieben ist. Die Wand des Stadtteiltreffs sieht noch immer aus wie in meiner Kindheit. Die gemalten Figuren, die Kleidung, die Haltung der Jugendlichen — alles erinnert an die 1980er. Popper-Outfits, jugendliche Posen, eine Wand wie ein eingefrorener Ausschnitt aus einer anderen Zeit.

Davor die Betonplastiken.

Nicht glatt. Nicht neu. Nicht herausgeputzt.
Verwittert. Dunkel geworden. Beschrieben von Regen, Moos, Schmutz, Händen, Blicken und Jahren.

Ein Stück öffentlicher Raum, das nicht modernisiert wurde, sondern geblieben ist.

Beton als Erinnerungsträger

Beton ist ein ehrliches Material.

Er tut nicht so, als wäre er edel. Er glänzt nicht. Er will nicht verführen. Er steht einfach da. Schwer, grau, widerständig. Gleichzeitig kann Beton empfindlich wirken, wenn man genau hinsieht. Jede Kante, jede Vertiefung, jede Spur von Wasser verändert ihn.

Die Plastiken im Dicker Busch II tragen geometrische Zeichen auf ihren Oberflächen. Manche erinnern an Stadtpläne. Manche an Fassaden. Manche an technische Schaltbilder. Andere an Spuren, Wege, Labyrinthe oder architektonische Fragmente.

Sie passen zu diesem Ort.

Denn auch der Dicker Busch ist ein gebautes System aus Wegen, Häusern, Plätzen, Durchgängen, Hochhäusern, Schulen, Läden und Alltagsrouten. Ein Stadtteil, der nicht organisch gewachsen wirkt wie ein altes Dorf, sondern geplant, gesetzt, gebaut. Mit Beton, Grünflächen, Einkaufsmöglichkeiten und sozialen Orten.

Diese Säulen stehen dort wie abstrakte Markierungen.
Wie Wegzeichen.
Wie stumme Wächter eines Quartiers.

Das Einkaufszentrum als Jugendort

In diesem Einkaufszentrum habe ich meine Teeniezeit verbracht.

Wir zogen in die Robert-Bunsen-Straße. Von dort lief ich mit meinen Freunden immer über das Einkaufszentrum zur Schule. Doch genau hier trennten sich unsere Wege.

Sie gingen zur Humboldtschule.
Ich ging als Einziger auf das Immanuel-Kant-Gymnasium.

Dieser Bereich war für mich wie ein Portal in eine andere Welt.

Nicht spektakulär. Kein großes Tor. Kein sichtbarer Grenzstein. Nur ein Platz, ein paar Wege, Läden, Beton, Menschen. Und trotzdem spürte ich dort etwas, das ich damals noch nicht benennen konnte.

Ich war das Kind, das im Hochhaus wohnte.
Die anderen wuchsen in Einfamilienhäusern auf.

Ich dachte immer: Eigentlich sind wir gleich. Der einzige Unterschied ist doch, dass du ein paar Straßen weiter wohnst.

Aber irgendwann merkt man, dass ein paar Straßen manchmal mehr bedeuten können als Entfernung. Sie können über Möglichkeiten erzählen. Über Erwartungen. Über Blickwinkel. Über das, was andere für selbstverständlich halten und man selbst erst erkämpfen muss.

Die Sprache der Unterschiede

Damals habe ich diese Unterschiede mit Malen und Zeichnen kompensiert.

Ich zeichnete. Ich erfand Figuren. Ich machte Comics für die Schülerzeitung. Ich setzte die ersten Tags mit Edding. Ich suchte eine eigene Linie, bevor ich überhaupt wusste, dass ich eine suchte.

Vielleicht war Kunst damals schon mein Ausweg. Nicht als großer Plan. Nicht als Berufung mit Lichtstrahl. Sondern als leiser Reflex.

Wenn ich mich fremd fühlte, zeichnete ich.
Wenn ich Unterschiede spürte, erfand ich Formen.
Wenn ich nicht wusste, wohin mit mir, machte ich Zeichen.

Heute sehe ich diese Betonplastiken und verstehe, warum sie mich berühren. Sie sind selbst Zeichen. Abstrakt, kantig, schwer zu erklären. Sie stehen in einem Raum, in dem ich gelernt habe, dass Zugehörigkeit nicht immer gleich verteilt ist.

Vielleicht habe ich damals unbewusst mit ihnen gesprochen.

Mit ihren Linien.
Mit ihren Mustern.
Mit ihrer Verschlossenheit.

Nach Ladenschluss

Wenn ich heute an diesen Ort denke, sehe ich einzelne Bilder.

Ich sehe mich in Freistunden zur Humboldtschule laufen.

Ich sehe uns nach Ladenschluss auf Einkaufswagen lungern, als wären sie Sofas, Bühnen, Fluchtfahrzeuge oder einfach der einzige Ort, an dem man herumhängen konnte.

Ich sehe den überfüllten Kiosk nach Schulschluss. Kinder und Jugendliche, Gedränge, Kleingeld in der Hand. Brausestangen. Süßigkeiten. Stimmen. Dieses kurze Glück, wenn man sich für ein paar Pfennig oder Mark etwas kaufen konnte.

Ich sehe uns abends bei der Post treffen.

Ich sehe mich auf dem Heimweg am Schaufenster von Möbel Flabb. Ich drückte mir die Nase an der Scheibe platt, weil mich die Formen begeisterten. Möbel waren für mich nicht nur Dinge. Es waren Körper im Raum. Linien. Kurven. Materialien. Möglichkeiten. Vielleicht begann dort ein Teil meines Blicks für Gestaltung.

Alles war Alltag.
Und alles war prägend.

Was verschwunden ist

Heute ist vieles davon verschwunden.

Die Post existiert nicht mehr.
Das Möbelgeschäft ist weg.
Der Kiosk auch.

Orte, die für Jugendliche einmal ganze Welten waren, verschwinden oft leise. Nicht mit einem großen Abschied. Nicht mit einer Gedenktafel. Sie schließen einfach. Werden umgebaut. Bekommen neue Schilder. Neue Nutzungen. Irgendwann weiß nur noch eine Generation, was dort einmal war.

Aber der Stadtteiltreff ist noch da.

Die bemalte Wand ist noch da.

Und die Betonplastiken stehen noch immer an Ort und Stelle.

Das berührt mich.

Weil sie nicht nur Kunstwerke sind, sondern Fixpunkte. Sie halten etwas im Raum, das sonst längst weggeweht wäre. Sie erinnern nicht offiziell. Sie erklären nichts. Aber sie stehen da und sagen: Du hast dir das nicht eingebildet. Dieser Ort war wirklich so. Du warst wirklich hier.

Die Säulen und das Portal

Für mich sind diese Betonplastiken heute wie Markierungen eines Übergangs.

Damals trennten sich hier Schulwege. Freundeskreise. Lebenswelten. Vielleicht auch Klassen. Nicht laut, nicht brutal, aber spürbar.

Die Säulen standen dabei wie stumme Begleiter. Zwischen Einkaufszentrum und Stadtteiltreff, zwischen Schule und Zuhause, zwischen Hochhaus und Einfamilienhaus, zwischen Kindheit und Jugend.

Sie erinnern mich daran, wie früh man Unterschiede wahrnimmt, auch wenn man sie noch nicht erklären kann. Und wie stark der Wunsch ist, trotzdem dazuzugehören.

Gerade in der Diaspora, gerade als Kind einer migrantischen Familie, ist Zugehörigkeit nie nur ein Wort. Sie ist ein Körpergefühl. Man spürt, wann man selbstverständlich Teil eines Ortes ist. Und man spürt auch, wann man sich diesen Platz erst zeichnen, erfinden oder erkämpfen muss.

Vielleicht waren meine Zeichnungen damals genau das: ein Versuch, mir selbst einen Ort zu bauen.

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