6. Mai 2026

VOLKER DZIEMBALLA

Der Mann mit dem Bildgedächtnis der Stadt

Es ist warm, als ich Volker Dziemballa besuche. Wir sitzen draußen in seinem Garten. Die Luft trägt dieses langsame Sommertempo, bei dem Gespräche nicht sofort beginnen müssen, sondern erst einmal ankommen dürfen.

Wir sitzen da, trinken, reden, erinnern uns.

Ich glaube, jeder Mensch in Rüsselsheim hat Volker schon einmal gesehen. Zumindest jeder, der Tageszeitung liest, kennt seine Fotos. Vielleicht nicht immer seinen Namen. Vielleicht nicht immer sein Gesicht. Aber seinen Blick.

Seine Bilder begleiten diese Stadt seit Jahrzehnten. Sie erscheinen dort, wo Rüsselsheim sich zeigt: auf Festen, in Sporthallen, bei politischen Terminen, in Kulturhäusern, auf Plätzen, an Denkmälern, in Vereinsheimen, bei Eröffnungen, Abschieden und Momenten, die erst später wichtig werden.

Volker fotografiert nicht nur Ereignisse.
Er hält fest, was sonst verschwinden würde.

Wo andere suchen, findet er ein Bild

Wir überlegen, wann wir uns eigentlich das erste Mal bewusst begegnet sind.

Ich grabe in meinem Gedankenarchiv. Suche nach Gesichtern, Terminen, Orten, nach dieser einen ersten Begegnung, die irgendwo zwischen Ausstellung, Skulptur, Zeitung und Stadtgespräch liegen muss.

Volker könnte es wahrscheinlich einfach in seiner Bilddatenbank nachschauen.

Vielleicht beschreibt ihn genau das sehr gut: Wo andere sich dunkel erinnern, hat er ein Bild. Wo Erinnerung unscharf wird, liegt bei ihm ein Ordner. Ein Datum. Eine Aufnahme. Ein Moment, der geblieben ist.

Auch wenn ich mich nicht sofort an unser erstes Treffen erinnere, weiß ich eines ganz genau: Volker gehört zu den Menschen, bei denen man sich freut, wenn man ihnen begegnet.

Durch seine Arbeit und meine Arbeit sind wir uns in Rüsselsheim immer wieder über den Weg gelaufen. Ich stand schon mehrfach vor seiner Kamera. Für eine ArtMap-Serie in der Main-Spitze hat er mich zu mehreren Skulpturen in der Stadt begleitet.

Er mit der Kamera.
Ich mit den Geschichten zu den Orten.

Zwei verschiedene Blicke auf dieselbe Stadt.

Kindheit im Dicken Busch

Volker wurde in Mainz geboren, ist aber in Rüsselsheim aufgewachsen. Seine Kindheit und Jugend verbringt er im Dicken Busch II. Besonders viel Zeit verbringt er in der KiDiBu.

Er besucht die Georg-Büchner-Schule, später die Alexander-von-Humboldt-Schule und geht schließlich auf das Berufliche Gymnasium in Groß-Gerau.

Schon als Kind fotografiert er gerne. Seine gesamte Jugend dokumentiert er auf Zelluloid. Vielleicht entsteht genau dort, bewusst oder unbewusst, der Nukleus des fotografischen Stadtchronisten.

Ein Kind, das seine Welt nicht nur erlebt, sondern festhält.

Volker erinnert sich daran, wie er mit zwölf Jahren seine Spielzeugmotorräder vor dem Cover von Pink Floyds The Wallinszeniert und fotografiert. Eine kleine Szene. Ein Kinderzimmer. Ein Plattencover. Spielzeugmotorräder. Aber eigentlich ist darin schon vieles angelegt: Inszenierung, Perspektive, Atmosphäre, Bildaufbau.

Und vielleicht auch der Wunsch, der Wirklichkeit einen Rahmen zu geben.

Vom Zelluloid zur Zeitung

Anfang der 1990er-Jahre beginnt Volker für regionale Zeitungen zu fotografieren. Für die Main-Spitze, aber auch für die FAZ, den Wiesbadener Kurier und andere Medien. Für manche arbeitet er sogar exklusiv.

Später gründet er eine Agentur, spezialisiert sich auf Sportfotografie und verkauft seine Bilder. 2008 gründet er gemeinsam mit seinem Partner Alex Heimann VOLLFORMAT.

Von Corporate Identity bis Editorial decken sie seitdem ein breites fotografisches Feld ab. Aber egal, ob Auftrag, Reportage, Sport, Porträt oder Kulturtermin: Bei Volker bleibt immer dieser wache Blick für den Moment.

Er fotografiert Menschen nicht von oben herab.
Er ist mittendrin.
Ansprechbar. Wach. Schnell. Ruhig.

Wenn man Volker trifft, wirkt er oft, als sei er gerade auf dem Sprung. Und wahrscheinlich ist er das auch. Trotzdem nimmt er sich immer Zeit für einen Plausch.

Einer, der weiß, wo die Stadt atmet

Volker kennt Rüsselsheim vermutlich besser als jeder Taxifahrer.

Er weiß, wo etwas stattfindet. Wer beteiligt ist. Welche Ecke welche Geschichte trägt. Welche Halle welches Licht hat. Wo man stehen muss, um den richtigen Moment zu erwischen. Welche Gesichter wiederkehren. Welche Orte sich verändern. Welche Geschichten sich wiederholen.

Und vielleicht kommt seine besondere Ortskenntnis nicht nur von der Kamera, sondern auch von seiner Bewegung durch die Stadt. Volker ist passionierter Discgolfer und bei den Scheibensucher e.V. aktiv. Auch dort geht es um Blickachsen, Distanzen, Konzentration und den richtigen Moment. Um Wege durch Landschaften, um Präzision, um ein Gefühl für Raum.

Vielleicht passt dieser Sport deshalb so gut zu ihm. Ein Fotograf und Discgolfer liest die Umgebung. Er sieht Linien, bevor andere sie bemerken. Er sucht den passenden Winkel, den richtigen Schwung, den Moment, in dem alles zusammenkommt.

Ich erinnere mich daran, wie ich einmal für ein Musikvideo einen Drohnenflug brauchte. Volker war sofort da. An Ort und Stelle. Ohne großes Drama. Ohne lange Erklärung.

So ist er.

Verlässlich. Schnell. Ruhig.

Selbst wenn es vorkommt, dass er innerhalb von zwei Tagen 38 Termine im Kalender stehen hat.

Das war wohl schon in seinen Anfängen so. Während viele seiner Altersgenossen im Rind unterwegs waren, hat Volker gearbeitet. Er war dort, wo etwas passierte, und hielt es fest. Und trotzdem ist da diese Gelassenheit, die ihn auszeichnet.

Keine Hektik nach außen.
Kein wichtiges Gehabe.
Nur dieser Blick, der längst gelernt hat, im richtigen Moment still zu werden.

Wenn Kultur leiser wird

Während wir sprechen, denke ich auch daran, wie sehr sich der Lokaljournalismus verändert hat.

Es gab einmal eine Zeit, in der lokale Zeitungen dichter an der Stadt waren. In der Redaktionen größer waren. In der Kultur mehr Raum bekam. In der Termine nicht nur abgearbeitet wurden, sondern Teil eines gemeinsamen Stadtgesprächs waren.

Heute fusionieren Redaktionen. Wo früher zwei Zeitungen unterschiedliche Blicke auf eine Stadt werfen konnten, werden Strukturen zusammengelegt. Seiten werden weniger. Budgets kleiner. Wege länger. Kultur rückt oft in den Hintergrund.

Das verändert nicht nur den Journalismus.
Es verändert auch die Sichtbarkeit einer Stadt.

Denn was nicht fotografiert, beschrieben oder veröffentlicht wird, verschwindet schneller aus dem kollektiven Gedächtnis.

Für Fotografen wie Volker wird es dadurch schwerer. Nicht, weil es weniger zu sehen gäbe. Im Gegenteil. Städte sind voller Geschichten. Kultur findet statt. Menschen engagieren sich. Künstlerinnen und Künstler arbeiten. Vereine halten Räume lebendig. Erinnerungsorte brauchen Aufmerksamkeit.

Aber die Fenster, durch die diese Geschichten sichtbar werden, sind kleiner geworden.

Volkers Arbeit bekommt dadurch noch einmal eine andere Bedeutung. Sie ist nicht nur Dokumentation. Sie ist Widerstand gegen das Verschwinden. Ein Bild sagt nicht nur: Das ist passiert. Es sagt auch: Das war wichtig genug, um gesehen zu werden.

Das visuelle Gedächtnis der Opelstadt

Vielleicht ist genau das seine besondere Rolle in Rüsselsheim: Volker Dziemballa fotografiert nicht nur Ereignisse. Er sammelt Spuren.

Seine Arbeit ist ein visuelles Gedächtnis der Stadt.

Was heute Termin ist, wird morgen Erinnerung.
Was heute in der Zeitung erscheint, wird irgendwann Archiv.
Was heute beiläufig wirkt, kann später erzählen, wie eine Stadt einmal gewesen ist.

Rüsselsheim verändert sich. Häuser verschwinden. Plätze werden umgebaut. Menschen ziehen weg. Neue kommen dazu. Orte bekommen andere Namen, andere Funktionen, andere Bedeutungen.

Aber irgendwo gibt es ein Bild.

Ein Bild vom alten Zustand.
Ein Bild vom Fest.
Ein Bild vom Protest.
Ein Bild von der Eröffnung.
Ein Bild von einem Menschen, der längst nicht mehr da ist.
Ein Bild von einem Moment, den sonst niemand aufgehoben hätte.

Und oft ist es Volkers Bild.

Einer, der Rüsselsheim gesehen hat

Als ich in seinem Garten sitze, wird mir klar: Ein ARTSbesuch bei Volker ist nicht nur ein Besuch bei einem Fotografen.

Es ist ein Besuch bei jemandem, der Rüsselsheim über Jahrzehnte hinweg begleitet, beobachtet und bewahrt hat.

Einer, der immer wieder dort ist, wo Stadt entsteht.

Auf dem Sportplatz.
Im Sitzungssaal.
Im Theater.
Auf der Straße.
Im Vereinsheim.
Bei den Menschen.

Vielleicht liegt darin eine stille Form von Kunst: nicht im lauten Auftreten, nicht im großen Pathos, sondern im Dasein. Im genauen Hinsehen. Im Wiederkommen. Im Festhalten.

Volker Dziemballa ist einer, der Rüsselsheim gesehen hat.

Und der dafür gesorgt hat, dass Rüsselsheim sich selbst sehen kann.

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