3. Mai 2026

TANZENDE KINDER

Wo Bewegung stehen geblieben ist

Vor dem Kindergarten in der Amselstraße in Haßloch-Nord stehen zwei Kinder aus Bronze.

Sie tanzen.

Oder vielleicht halten sie sich nur fest. Vielleicht drehen sie sich im Kreis. Vielleicht ist es dieser kurze Moment, bevor aus Spiel Bewegung wird und aus Bewegung Lachen. Die Plastik heißt „Tanzende Kinder“, entstand 1971 und stammt von Scherer/Neufert aus Kelsterbach. Sie ist etwa 1,30 Meter hoch und steht bis heute im Eingangsbereich der heutigen Kita Amselstraße.

Zwei schmale Körper. Zwei ausgestreckte Arme. Zwei Kinder, die einander zugewandt sind. Zwischen ihnen entsteht ein Raum, der nicht leer ist. Er ist voller Vertrauen.

Es ist eine Skulptur über Kindheit.
Über Nähe.
Über das freie Spiel vor der Tür.

Ein Kindergarten als Ort des Anfangs

Die Kita Amselstraße liegt in der Amselstraße 3a. Heute bietet sie nach Angaben der Stadt Rüsselsheim 100 Betreuungsplätze in fünf Gruppen für Kinder vom dritten Lebensjahr bis zum Schuleintritt. Sie gehört zum Einzugsgebiet der Albrecht-Dürer-Schule.

2021 blickte die Kita auf ihre 50-jährige Geschichte zurück. Das passt zur Entstehungszeit der Plastik: 1971. Kindergarten und Kunstwerk gehören also nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich zusammen. Die tanzenden Kinder stehen dort wie ein kleines Gründungszeichen. Ein Bild dafür, was dieser Ort sein sollte: ein geschützter Raum, in dem Kinder ankommen, spielen, wachsen und ihre ersten eigenen Wege in die Welt machen.

Auch das Außengelände wird bis heute weiterentwickelt. Die Stadt berichtet etwa von einer neuen Fachwerk-Kletterpyramide im Außenbereich der Kita. So bleibt der Ort in Bewegung — wie die Skulptur selbst.

Haßloch-Nord und die gebaute Zukunft

Haßloch-Nord ist ein Stadtteil, der stark mit der Entwicklung Rüsselsheims nach dem Krieg verbunden ist. Das alte Haßloch wurde 1951 nach Rüsselsheim eingemeindet; damals lebten dort rund 700 Menschen. Mit der Industrialisierung und dem wirtschaftlichen Aufstieg Opels wuchs Haßloch immer stärker mit Rüsselsheim zusammen.

In den Jahrzehnten danach entstanden neue Stadtbezirke. Haßloch-Nord gehört zu jenen Erweiterungen, die den Wohnraumbedarf einer wachsenden Stadt beantworteten. Die Stadt beschreibt Haßloch-Nord als einen in den 1960er Jahren erbauten Stadtteil, der in starkem Kontrast zum alten Dorfkern steht und zugleich von viel Grün umgeben ist.

So gesehen steht die Plastik nicht irgendwo. Sie steht in einem Stadtteil, der selbst aus Aufbruch besteht. Aus neuen Straßen, neuen Wohnungen, neuen Familien, neuen Wegen zur Arbeit, zur Schule, zum Kindergarten.

Und genau dort tanzen diese Kinder.

An den Weiden

In die Amselstraße kommt man über die Straße An den Weiden.

Für mich ist das kein neutraler Straßenname.

An den Weiden 100 war 1971 die erste Meldeadresse meines Vaters in Rüsselsheim, als er als Kind nach Deutschland kam. Kurze Zeit später begann er seine Lehre bei Opel. Diese Adresse steht noch immer in meinem Impfpass. Ein kleiner Eintrag in einem Dokument, und doch öffnet sich dahinter eine ganze Familiengeschichte.

Ankommen.
Arbeiten.
Deutsch lernen.
Großwerden in einer Stadt, die für viele Menschen nicht Herkunft war, sondern Anfang.

Wenn ich heute an dieser Gegend vorbeigehe, sehe ich nicht nur Straßen und Häuser. Ich sehe die Spur meines Vaters. Ich sehe einen Jungen, der nach Deutschland kommt und dessen Leben sich mit Rüsselsheim verbindet. Mit Opel. Mit Haßloch-Nord. Mit einem Stadtteil, der selbst gerade erst seine Form gefunden hatte.

Vielleicht deshalb berühren mich die tanzenden Kinder besonders.

Weil sie aus demselben Jahr stammen.
1971.
Ein Jahr des Ankommens.
Ein Jahr, in dem ein Kind aus meiner Familie hier gemeldet wurde.
Ein Jahr, in dem vor einem Kindergarten zwei Kinder aus Bronze zu tanzen begannen.

Kunst am Eingang

Ich kenne die „Tanzenden Kinder“ noch von Spaziergängen.

Damals war es selbstverständlich, dass vor Kindergärten und Schulen Skulpturen standen. Kunst im Eingangsbereich war kein Luxus. Sie gehörte dazu. Sie empfing die Kinder, Eltern, Erzieherinnen und Erzieher. Sie machte deutlich: Dieser Ort ist nicht nur funktional. Er hat eine Seele.

Heute ist das seltener geworden.

Bei neuen Kindergärten, Schulsanierungen und öffentlichen Gebäuden wird Kunst im Raum oft nicht mehr mit derselben Selbstverständlichkeit mitgedacht. Man baut sicherer, effizienter, energetischer. Alles notwendig. Aber manchmal verschwindet dabei das Zeichen. Der Moment, in dem ein Kind stehen bleibt und eine Form entdeckt, die nicht erklärt werden muss.

In der Amselstraße ist das heute gleich doppelt besonders.

Die Skulptur steht noch immer im Eingangsbereich.
Und sie ist nicht verschwunden.
Nicht versetzt.
Nicht von Hecken verschluckt.
Nicht vergessen hinter Zäunen, Containern oder Zweckbauten.

Sie steht dort, wo sie hingehört: am Anfang eines Ortes für Kinder.

Zwei Kinder, eine Erinnerung

Die Figuren wirken leicht, obwohl sie aus Bronze sind. Ihre Körper sind langgezogen, fast zerbrechlich. Sie haben etwas Suchendes. Ihre Arme verbinden sich, ihre Beine kreuzen sich, ihre Köpfe wenden sich einander zu.

Es ist kein realistisches Kinderbild. Es ist eine Verdichtung.

Die Skulptur zeigt nicht, wie Kinder aussehen.
Sie zeigt, was Kindheit sein kann.

Bewegung.
Nähe.
Spiel.
Vertrauen.
Das kurze Gleichgewicht zwischen Fallen und Gehaltenwerden.

Vielleicht liegt darin auch die Verbindung zu Haßloch-Nord. Ein Stadtteil, der für viele Familien ein Anfang war, braucht solche Bilder. Bilder, die nicht von Herkunft fragen, sondern von Gegenwart. Bilder, die sagen: Hier darfst du spielen. Hier darfst du wachsen. Hier darfst du Teil von etwas werden.

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