12. Mai 2026

ST. CHRISTOPHORUS

Der Turm, der über kleine Reisen wachte

Ein Kreuz im Himmel

Man sieht ihn schon aus der Ferne.

Den Turm der St.-Christophorus-Kirche im Osten von Rüsselsheim. Von der Platanenstraße aus. Vom Waldweg kommend. Von der Bonner Straße aus, wenn man sich der Stadt nähert oder sie verlässt. Ein schlanker Körper aus Beton, der in den Himmel ragt, oben das Kreuz, darunter diese stille Strenge der Nachkriegsmoderne.

Für mich war dieser Turm nie nur ein Kirchturm.

Er war ein Zeichen. Ein Punkt auf der inneren Landkarte meiner Kindheit.
Ein Moment, an dem ich wusste, wo ich bin.

Wenn ich ihn sah, konnte ich die Strecke lesen.

1963 ein Gotteshaus aus Beton

Die Kirche St. Christophorus liegt an der Platanenstraße/Ecke Waldweg und gehört heute zur Pfarrei Heilige Familie, zu der auch St. Georg und St. Michael zählen. Laut Pfarrei hat St. Christophorus mit etwa 2.900 Katholikinnen und Katholiken das größte Einzugsgebiet dieser Pfarrei.

Der Grundstein wurde 1962 gelegt. Nach zweijähriger Bauzeit wurde die Kirche am 4. Advent 1963 eingeweiht. Entworfen wurde sie vom Architekten Georg Lauer. Der Kirchenraum besteht aus einer Hauptkirche vor dem Altar, einer kleineren Werktagskirche hinter dem Altar und einer Kapelle im Seitenflügel. Das Wahrzeichen ist der Glockenturm, der Ende der 1990er-Jahre renoviert wurde, aber keine Glocken beherbergt.

Dass diese Kirche aus Beton gebaut wurde, ist kein Zufall. In den 1950er- und 1960er-Jahren wurde Beton im Kirchenbau zu einem prägenden Material der Nachkriegsmoderne. Er ermöglichte neue Formen, große Spannweiten, skulpturale Räume und eine bewusste Abkehr von historisierenden Kirchenbildern. Viele dieser Bauten wirken bis heute radikal, weil sie nicht schmücken wollen, sondern Raum formen. Der Kirchenbau dieser Zeit verband neue ästhetische Vorstellungen mit einem liturgischen Aufbruch, besonders im Umfeld des Zweiten Vatikanischen Konzils.

Beton war dabei mehr als Baumaterial. Nüchtern. Direkt. Formbar.
Ein Material, das keine Vergangenheit nachahmt, sondern Gegenwart werden will.

Ein Raum wie ein Kelch

Der Architekt beschrieb den Raum als einem Kelch nachempfunden.

Ich mag dieses Bild, weil es dem Beton etwas Weiches gibt. Von außen wirkt die Kirche streng, fast abweisend, ein Kind der 60er-Jahre, gebaut aus Kanten, Flächen und vertikaler Ruhe. Aber innen steckt die Idee eines Gefäßes.

Ein Kelch ist kein leerer Körper. Er ist ein Raum, der etwas aufnimmt, der trägt, sammelt und weitergibt.

Die Kirche ist in zwei Bereiche gegliedert: die größere Sonntagskirche vor dem Altar und die kleinere Werktagskirchehinter dem Altar. Diese Aufteilung erzählt viel über den Versuch, sakralen Raum nicht nur monumental zu denken, sondern auch alltäglich. Nicht nur für die große Versammlung, sondern auch für das Leise. Für den Wochentag. Für das Gebet ohne Anlass.

Der, der trägt

Der Patron der Kirche ist Christophorus.

In der westlichen Bildtradition wird er oft als großer, kräftiger Mann dargestellt, der das Jesuskind auf seinen Schultern durch einen Fluss trägt. Er zählt zu den Vierzehn Nothelfern und ist besonders als Schutzheiliger der Reisenden bekannt. Deshalb findet man sein Bild bis heute in Autos, an Schlüsselanhängern, auf Medaillen oder dort, wo Menschen unterwegs sind und sich Schutz wünschen.

Christophorus ist für mich eine besondere Figur, weil seine Geschichte nicht im Stillstand liegt.

Er steht dort, wo ein Ufer verlassen wird und das andere noch nicht erreicht ist.

Samstags mit meinem Vater

Samstags nahm mich mein Vater oft mit zum Wocheneinkauf.

Zuerst nach Raunheim zum Wertkauf, auf dem Gelände, auf dem heute Edeka ist. Für mich war das damals nicht einfach einkaufen. Es war eine kleine Reise. Ein Ritual. Ein Herausfahren aus dem eigenen Viertel. Ein Stück Welt hinter dem Fenster.

Und immer, wenn ich den Kirchturm von St. Christophorus sah, wusste ich: Gleich verlassen wir Rüsselsheim.

Der Turm war mein Zeichen. Mein kindlicher Kompass.

Danach ging es zurück nach Rüsselsheim. Auf den Markt. Zwischen Stimmen, Tüten, Obst, Gesprächen und diesem besonderen Gefühl eines Samstagvormittags, wenn eine Stadt kurz auf ihre eigene Weise pulsiert.

Zum Abschluss gingen wir in die Löwenpassage. Ich bekam einen Kakao. Während ich trank, schaute ich immer wieder durch das Schaufenster des Elektroladens. Ich lunschte hinein und träumte.

Von Dingen, die ich nicht hatte. Von Geräten. Von Bildschirmen. Von Zukunft.
Von allem, was leuchtete.

Der Turm auf dem Heimweg

Auf dem Heimweg kamen wir von der Bonner Straße.

Und wieder tauchte der Turm auf.

Wenn ich ihn sah, wusste ich: Gleich sind wir am Waldweg. Gleich biegen wir rechts in die Lucas-Cranach-Straße. Gleich sind wir wieder in der Nähe von Zuhause.

So machte der Turm seinem Patron alle Ehre.

Er wachte über unsere kleine Reise.
Über das Wegfahren und Zurückkommen.
Über das Kind auf dem Beifahrersitz.
Über den Vater am Steuer.
Über Einkaufstüten, Kakao, Träume im Elektroschaufenster und diese unscheinbaren Wege, die später zu Erinnerungen werden.

Christophorus trägt in der Legende ein Kind durch den Fluss. Für mich trug dieser Turm meine Kindheit durch die Stadt.

Ein Turm ohne Glocken

Dass der Glockenturm keine Glocken beherbergt, finde ich fast poetisch.

Ein Turm, der nicht ruft.
Ein Turm, der nicht klingt.
Ein Turm, der schweigt und trotzdem Zeichen ist.

Vielleicht braucht nicht jedes Wahrzeichen Klang. Manche wirken nur durch ihre Anwesenheit. Durch ihre Silhouette. Durch den Moment, in dem man sie erkennt.

St. Christophorus war für mich kein Ort, den ich als Kind über Gottesdienste verstanden habe. Ich verstand ihn über Bewegung. Über Entfernung. Über Richtung.

Der Turm sagte mir nicht, welche Stunde es ist.
Er sagte mir, wo ich bin.

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