3. Mai 2026

SCHÜLERPAAR

Zwei Figuren, die einander zugewandt sind

Vor der Werner-Heisenberg-Schule steht eine Skulptur, die man leicht übersehen kann.

Vielleicht, weil sie nicht ruft.
Vielleicht, weil sie inzwischen etwas versteckt liegt.
Vielleicht auch, weil Orte des Alltags ihre Kunst manchmal verschlucken.

Die Plastik heißt „Schülerpaar“. Sie entstand 1955, ist etwa 2,50 Meter hoch und aus Kunststein gearbeitet. Der Künstler oder die Künstlerin ist unbekannt. Die Skulptur zeigt zwei abstrahierte Schülerfiguren in langen Gewändern. Eine der Figuren hält eine Mappe in der Hand. Die Köpfe sind einander zugewandt.

Es liegt etwas Vertrautes zwischen ihnen.

Nicht Unterricht. Nicht Prüfung. Nicht Leistung. Sondern ein Gespräch. Eine Nähe. Vielleicht ein gemeinsamer Weg.

Lernen als Beziehung

Das Schülerpaar stammt aus einer Zeit, in der Rüsselsheim nach dem Krieg wieder aufgebaut wurde. Schulen waren damals nicht nur Gebäude, in denen Wissen vermittelt wurde. Sie waren Orte der Zukunft.

In einer Stadt, die durch Arbeit, Industrie, Zuzug und Neubeginn geprägt war, bedeutete Bildung mehr als ein Zeugnis. Sie bedeutete Möglichkeit. Einen Beruf. Einen Abschluss. Einen anderen Weg als den, der einem vielleicht vorherbestimmt schien.

Die beiden Figuren wirken deshalb wie ein stilles Bild für diesen Aufbruch. Sie stehen nicht allein. Sie stehen zu zweit. Der eine hält die Mappe, als trüge er etwas mit sich: Bücher, Aufgaben, vielleicht auch Hoffnung. Der andere wendet sich ihm zu.

Lernen erscheint hier nicht als einsamer Akt. Es ist etwas Gemeinsames. Etwas, das im Austausch entsteht. In Blicken, Gesprächen, Fragen, Unsicherheiten und dem Mut, weiterzugehen.

Der Campus der Übergänge

Die Werner-Heisenberg-Schule und die Gustav-Heinemann-Schule liegen heute direkt nebeneinander an der Königstädter Straße. Die Werner-Heisenberg-Schule nennt in ihrer eigenen Vorstellung ausdrücklich die gemeinsame Liegenschaft mit der Gustav-Heinemann-Schule; die Stadt Rüsselsheim führt beide Schulen mit ihren benachbarten Adressen, Königstädter Straße 72 und 82.

Vielleicht ist das die Verbindung, die auch in deiner Erinnerung liegt.

Du warst Ende der neunziger Jahre auf der Gustav-Heinemann-Schule. 1997 hast du die Immanuel-Kant-Schule verlassen, weil es dort keinen Kunst-Leistungskurs gab — und auf der Heinemann kam einer zustande. Ein Schulwechsel nicht aus Flucht, sondern aus Suche. Aus dem Wunsch, Kunst ernst zu nehmen. Einen Raum zu finden, in dem das Eigene Platz bekommt.

Und trotzdem ist dir diese Skulptur damals nie aufgefallen.

Erst viele Jahre später, auf einer Entdeckungstour für die ArtMap, stand sie plötzlich da. Als hätte sie gewartet. Nicht verschwunden, aber übersehen. Nicht verloren, aber verdeckt vom Rhythmus des Alltags.

Was man damals mitbaute

Es ist berührend, dass eine Schule der fünfziger Jahre eine Skulptur bekam, die Schüler zeigt.

Nicht als Dekoration. Sondern als Zeichen.

Damals wurde beim Bauen oft auch darüber nachgedacht, was ein öffentlicher Ort ausstrahlen soll. Kunst am Bau war Teil einer Haltung: Ein Schulgebäude sollte nicht nur funktionieren. Es sollte auch etwas erzählen. Es sollte Kindern und Jugendlichen zeigen, dass Bildung, Form, Material und Schönheit zusammengehören.

Das Schülerpaar steht genau dafür.

Es macht sichtbar, dass Schule ein kultureller Ort ist. Ein Ort, an dem Menschen nicht nur für den Arbeitsmarkt vorbereitet werden, sondern auch für das Leben. Für Sprache. Für Haltung. Für die Fähigkeit, sich selbst und andere wahrzunehmen.

Heute ist es bedauerlich, dass bei neuen Kindergärten, Schulneubauten und Sanierungen Kunst im öffentlichen Raum oft kaum noch mitgedacht wird. Es entstehen funktionale Gebäude, sichere Räume, energetisch bessere Fassaden — alles wichtig. Aber manchmal fehlt das Zeichen. Der Moment, in dem ein Kind stehen bleibt und etwas sieht, das nicht nur nützlich ist.

Kunst an Schulen sagt: Du bist mehr als ein Stundenplan.
Du bist mehr als Leistung.
Du bist Teil einer Kultur.

Eine späte Begegnung

Vielleicht musste dir diese Skulptur früher gar nicht auffallen.

Damals warst du selbst Schüler. Du warst unterwegs zwischen Räumen, Kursen, Entscheidungen, Zukunftsangst und Kunst. Du hast nach einem Ort gesucht, an dem dein innerer Blick ernst genommen wird.

Heute kommst du zurück — nicht als Schüler, sondern als Künstler. Als jemand, der Orte liest. Der Spuren sucht. Der fragt, was eine Stadt über sich selbst erzählt, wenn man genau hinsieht.

Und plötzlich werden diese beiden Figuren sichtbar.

Zwei Schüler, einander zugewandt.
Eine Mappe in der Hand.
Ein stilles Gespräch im Stein.
Ein Denkmal für das Lernen, das du damals vielleicht gelebt hast, ohne es sehen zu können.

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