8. September 2026
OPEL SCHMIEDE
SCHICHTWECHSEL / M1 WERKSPUREN
Wenn Artmap selbst Teil eines Ortes wird.
Normalerweise geht Artmap hinaus in die Stadt.
Ich suche nach Spuren.
Nach Geschichten hinter Gebäuden, Kunstwerken und Orten, an denen wir jeden Tag vorbeigehen.
Diesmal ist etwas anders.
Zum ersten Mal durfte ich aus dieser Art, Geschichte zu erzählen, eine museale Artmap-Ausstellung konzipieren und kuratieren.
Und dafür gibt es wahrscheinlich keinen passenderen Ort als diesen:
M1. Die alte Opel-Schmiede.
Exponate der Ausstellung
Arbeiten, Objekte und Spuren aus dem Ausstellungsraum.
Illustration
Inspiriert von einer alten Fotografie eines Mitarbeiters der Schmiede und der Epoche in dem die alte Schmiede entstanden ist, habe ich ein Plakat mit Bauhaus und der Neue Modernen entwickelt
Opel Kadett
Der Opel Kadett wurde 1936 als kompakter und erschwinglicher Personenwagen vorgestellt. Das Modell von 1937 entstand im Rüsselsheimer Opelwerk und stand für eine damals moderne, rationelle Automobilproduktion. Mit seiner selbsttragenden Stahlkarosserie, dem 1,1-Liter-Vierzylindermotor und rund 23 PS verband der Kadett technische Innovation mit Alltagstauglichkeit.
Eine besondere Verbindung zu diesem Ort: Der Motor dieses Kadett wurde 1937 gebaut – in jenem Jahr, in dem auch die Opel-Schmiede M1 ihre Produktion aufnahm. Fahrzeug und Gebäude sind damit Zeitzeugen derselben Epoche Rüsselsheimer Industriegeschichte.
Opel CIH-Motor
Der CIH-Motor (Camshaft in Head) zählt zu den bekanntesten Motorenkonstruktionen von Opel. Er wurde ab 1965 in Rüsselsheim produziert und über Jahrzehnte in zahlreichen Modellen eingesetzt – vom Rekord und Commodore bis zum Manta und Ascona.
Seine Besonderheit war die hoch im Zylinderkopf liegende Nockenwelle. Die robuste und langlebige Konstruktion machte den CIH zu einem prägenden Stück Rüsselsheimer Ingenieurs- und Industriegeschichte.
„Ripped´s“
Die beiden Arbeiten stammen aus der Reihe „Ripped’s“ von Inge Besgen. Durch Überlagerungen, Brüche und fragmentierte Bildinformationen entstehen vielschichtige Arbeiten, in denen Motive auftauchen, verschwinden und sich neu zusammensetzen.
Eine besondere Verbindung besteht zum Ausstellungsort: Inge Besgen hatte ihr Atelier im M55 – in direkter Nachbarschaft zur ehemaligen Opel-Schmiede M1. Ihre Arbeiten kehren damit an einen Ort zurück, der über Jahre Teil ihres unmittelbaren künstlerischen Umfelds war.
Kurbelwellenmann
Der Kurbelwellenmann wurde 1938 von Ludwig Spiegel geschaffen und sollte dem Opel-Arbeiter ein Denkmal setzen. Der Auftrag geht auf Ludwig Opel zurück, der testamentarisch verfügt hatte, dass die Arbeit der Opel-Beschäftigten auf diese Weise gewürdigt werden sollte. Die Figur trägt einen Arbeitsoverall und hält eine Kurbelwelle in den Händen – ein Bauteil, das wie kaum ein anderes für die Rüsselsheimer Produktion steht.
Doch die Skulptur ist zugleich ein Zeugnis ihrer Zeit. Ihre kraftvolle, heroische Darstellung entspricht dem Arbeiterideal der NS-Zeit. 1939 wurde sie auf der Großen Deutschen Kunstausstellung in München gezeigt. Damit steht der Kurbelwellenmann heute nicht nur für die Menschen hinter der industriellen Produktion, sondern auch für die Frage, wie wir mit Kunst und Denkmälern umgehen, die in einem ideologisch belasteten historischen Kontext entstanden sind.
Rohling
Kurbelwellenrohling
Dieser Kurbelwellenrohling zeigt eine Kurbelwelle unmittelbar nach dem Schmiedeprozess – noch bevor Lagerstellen, Zapfen und Oberflächen präzise bearbeitet werden. Durch das Schmieden erhält das Bauteil seine grundlegende Form und die notwendige Festigkeit, um später den hohen Belastungen eines Motors standzuhalten.
In der Opel-Schmiede in Rüsselsheim gehörten solche Rohlinge über Jahrzehnte zum Produktionsalltag. Aus dem massiven Stück Stahl entstand in weiteren Bearbeitungsschritten eines der zentralen Bauteile des Motors.
Kurbelwelle
Diese Kurbelwelle wurde im Opelwerk Rüsselsheim gefertigt. Aus einem geschmiedeten Rohling entstand durch präzise Bearbeitung ein hochbelastbares Herzstück des Motors. Ihre Aufgabe ist es, die Auf- und Abbewegung der Kolben in eine Drehbewegung umzuwandeln und die Kraft an den Antriebsstrang weiterzugeben.
Von der Schmiede bis zum fertigen Bauteil steht sie exemplarisch für die industrielle Fertigung und das technische Know-how, das den Opel-Standort Rüsselsheim über Generationen geprägt hat.
Vom Rohling zum fertigen Zahnrad
Die ausgestellten Bauteile zeigen die Entstehung eines Zahnrads in mehreren Fertigungsstufen. Am Anfang steht der geschmiedete Rohling, der bereits seine grundlegende Form besitzt. Anschließend wird das Werkstück Schritt für Schritt mechanisch bearbeitet: Flächen und Bohrungen werden präzisiert, die Verzahnung eingebracht und die Oberflächen weiter veredelt.
Am Ende entsteht aus dem massiven Schmiedestück ein hochpräzises Zahnrad für das Getriebe – ein anschauliches Beispiel dafür, wie aus geschmiedetem Stahl durch zahlreiche Bearbeitungsschritte ein komplexes Bauteil des Automobils wird.
Vom Rohling zur Getriebewelle
Die ausgestellten Bauteile zeigen die Fertigung einer Getriebewelle in aufeinanderfolgenden Arbeitsschritten. Ausgangspunkt ist der geschmiedete Rohling, dessen Form bereits die späteren Funktionsbereiche erkennen lässt. Durch Drehen und weitere spanende Bearbeitung entstehen zunächst die präzisen Durchmesser und Lagersitze.
In den folgenden Schritten werden Verzahnungen und Zahnradbereiche herausgearbeitet und die Oberflächen veredelt. So wird aus einem massiven Schmiedeteil Schritt für Schritt eine hochpräzise Getriebewelle – vom Rohling bis zum einbaufertigen Bauteil.
WERKSPUREN
Während meiner Arbeit in der ehemaligen Opel-Schmiede begegneten mir immer wieder kleine Spuren des Arbeitsalltags: Schrauben, Muttern, Metallreste, ein Schlüssel, eine alte Kronkorke – und sogar ein zurückgelassener Aschenbecher mit Zigarettenstummeln.
Ich begann, diese Fundstücke zu sammeln und zusammenzuführen. Für sich genommen sind es unscheinbare Dinge. Gemeinsam werden sie zu Werkspuren – zu einem stillen Archiv der Menschen, die hier gearbeitet haben. Dinge, die geblieben sind, nachdem die Maschinen verstummten.
Inge Besgen · Kurbelwellen
Für diese Skulptur fügt Inge Besgen drei Kurbelwellen zu einer neuen Form zusammen. Bauteile, die ursprünglich für Bewegung, Kraftübertragung und industrielle Präzision geschaffen wurden, verlieren ihre technische Funktion und werden zum künstlerischen Material.
Gerade in der ehemaligen Opel-Schmiede M1 erhält die Arbeit eine besondere Bedeutung: Die Kurbelwelle wird vom Produkt der Industrie zum Zeitzeugen und Kunstobjekt – eine Verbindung zwischen Arbeit, Material, Erinnerung und der Geschichte des Ortes.
Schmiedegrat
Dieses Stück ist kein eigentliches Bauteil, sondern entsteht beim Schmieden eines Kurbelwellenrohlings. Wenn der glühende Stahl unter hohem Druck in seine Form gepresst wird, tritt überschüssiges Material an den Rändern der Schmiedeform aus. Dieser sogenannte Schmiedegrat wird anschließend vom Rohling abgetrennt.
Was in der Produktion als Ausschuss zurückbleibt, macht hier den Entstehungsprozess der Kurbelwelle sichtbar – wie ein materieller Abdruck des Schmiedevorgangs.
WERKSPUREN · Schilder des Arbeitsalltags
Überall im Opelwerk regelten und begleiteten Schilder den täglichen Arbeitsablauf: Warnungen, Verbote, Sicherheits- und Hinweisschilder gehörten selbstverständlich zum Bild der Werkshallen.
Viele dieser Schilder sind heute verschwunden. Geblieben sind Umrisse, Bohrlöcher und Verfärbungen an den Wänden – stille Spuren ihrer früheren Plätze. Die erhaltenen Originalschilder machen sichtbar, was die Architektur heute nur noch erahnen lässt: den Alltag eines arbeitenden Werks.
Opel Korrektions-Schutzbrille
Diese Opel-Schutzbrille mit Etui und individuell angepasster Sehstärke erzählt von einem oft übersehenen Teil des Arbeitsalltags im Rüsselsheimer Werk: dem Schutz der Menschen an den Maschinen. Opel beschäftigte eigene Werksoptiker, die Schutzbrillen anpassten und für Beschäftigte mit Sehschwäche spezielle Korrektions-Schutzbrillen anfertigten. Für 1976 sind allein im Rüsselsheimer Werk vier Werksoptiker für rund 25.000 Beschäftigte dokumentiert.
Als persönlicher Gebrauchsgegenstand ist sie eine besondere Werkspur: Sie erzählt nicht von Maschinen oder Fahrzeugen, sondern von einem Menschen, der hier gearbeitet hat.
Opel Arbeitsjacke · Werk Rüsselsheim
Dieser grüne Opel-Arbeitskittel mit gelben Streifen und aufgenähtem Blitz steht für die Menschen hinter der Produktion. Arbeitskleidung wie diese gehörte zum Alltag im Rüsselsheimer Werk und machte zugleich die Zugehörigkeit zu Opel sichtbar.
Gestaltung, Farbgebung und Ausführung sprechen für die 1970er bis frühen 1980er Jahre. Heute ist der Kittel mehr als Arbeitskleidung: Er ist eine persönliche Werkspur und Erinnerung an die Menschen, die zwischen Maschinen, Hitze und Stahl gearbeitet haben.
Vier-Zylinder-Kurbelwelle · Rüsselsheim
Diese Vier-Zylinder-Kurbelwelle steht exemplarisch für die Bauteile, die über Jahrzehnte in der Opel-Schmiede in Rüsselsheim gefertigt wurden. Aus einem massiven Stück Stahl geschmiedet und anschließend präzise bearbeitet, gehört sie zu den zentralen Komponenten eines Verbrennungsmotors.
Ihre Aufgabe ist es, die Auf- und Abbewegung der Kolben in eine Drehbewegung umzuwandeln und so die Kraft des Motors an den Antriebsstrang weiterzugeben. Ein Bauteil, das wie kaum ein anderes für das Zusammenspiel von Schmiedekunst, Präzision und Rüsselsheimer Automobilgeschichte steht.
Aluminium-Schutzhelm
Dieser Aluminium-Schutzhelm steht für den Arbeitsalltag in der Opel-Schmiede in Rüsselsheim. Auf historischen Fotografien aus den 1950er- und 1960er-Jahren sind Mitarbeiter der Schmiede mit vergleichbaren Helmen zu sehen.
In einer Umgebung geprägt von Hitze, Funkenflug, schwerem Stahl und mächtigen Schmiedehämmern war der Helm Teil der persönlichen Schutzausrüstung. Heute ist er eine besondere Werkspur der Menschen, die unter diesen Bedingungen in der Schmiede gearbeitet haben.
Gesund mit Gehörschutz
Wo heute standardisierte Piktogramme auf Schutzmaßnahmen hinweisen, vermittelten früher großformatige, teilweise von Hand gestaltete Schilder die Regeln des Arbeitsschutzes. „Gesund mit Gehörschutz! …und Du?“ erinnert eindringlich an eine der größten Belastungen in der Opel-Schmiede: den Lärm.
Vor allem die gewaltigen Mammuthämmer erzeugten bei jedem Schlag extreme Schall- und Druckbelastungen. Gehörschutz war deshalb für die Beschäftigten ein unverzichtbarer Teil des Arbeitsalltags – das Schild ist heute selbst zu einer Werkspur dieser Arbeitswelt geworden.
Illustration
Inspiriert von einer alten Fotografie eines Mitarbeiters der Schmiede und der Epoche in dem die alte Schmiede entstanden ist, habe ich ein Plakat mit Bauhaus und der Neue Modernen entwickelt
Opel Kadett
Der Opel Kadett wurde 1936 als kompakter und erschwinglicher Personenwagen vorgestellt. Das Modell von 1937 entstand im Rüsselsheimer Opelwerk und stand für eine damals moderne, rationelle Automobilproduktion. Mit seiner selbsttragenden Stahlkarosserie, dem 1,1-Liter-Vierzylindermotor und rund 23 PS verband der Kadett technische Innovation mit Alltagstauglichkeit.
Eine besondere Verbindung zu diesem Ort: Der Motor dieses Kadett wurde 1937 gebaut – in jenem Jahr, in dem auch die Opel-Schmiede M1 ihre Produktion aufnahm. Fahrzeug und Gebäude sind damit Zeitzeugen derselben Epoche Rüsselsheimer Industriegeschichte.
Opel CIH-Motor
Der CIH-Motor (Camshaft in Head) zählt zu den bekanntesten Motorenkonstruktionen von Opel. Er wurde ab 1965 in Rüsselsheim produziert und über Jahrzehnte in zahlreichen Modellen eingesetzt – vom Rekord und Commodore bis zum Manta und Ascona.
Seine Besonderheit war die hoch im Zylinderkopf liegende Nockenwelle. Die robuste und langlebige Konstruktion machte den CIH zu einem prägenden Stück Rüsselsheimer Ingenieurs- und Industriegeschichte.
„Ripped´s“
Die beiden Arbeiten stammen aus der Reihe „Ripped’s“ von Inge Besgen. Durch Überlagerungen, Brüche und fragmentierte Bildinformationen entstehen vielschichtige Arbeiten, in denen Motive auftauchen, verschwinden und sich neu zusammensetzen.
Eine besondere Verbindung besteht zum Ausstellungsort: Inge Besgen hatte ihr Atelier im M55 – in direkter Nachbarschaft zur ehemaligen Opel-Schmiede M1. Ihre Arbeiten kehren damit an einen Ort zurück, der über Jahre Teil ihres unmittelbaren künstlerischen Umfelds war.
Kurbelwellenmann
Der Kurbelwellenmann wurde 1938 von Ludwig Spiegel geschaffen und sollte dem Opel-Arbeiter ein Denkmal setzen. Der Auftrag geht auf Ludwig Opel zurück, der testamentarisch verfügt hatte, dass die Arbeit der Opel-Beschäftigten auf diese Weise gewürdigt werden sollte. Die Figur trägt einen Arbeitsoverall und hält eine Kurbelwelle in den Händen – ein Bauteil, das wie kaum ein anderes für die Rüsselsheimer Produktion steht.
Doch die Skulptur ist zugleich ein Zeugnis ihrer Zeit. Ihre kraftvolle, heroische Darstellung entspricht dem Arbeiterideal der NS-Zeit. 1939 wurde sie auf der Großen Deutschen Kunstausstellung in München gezeigt. Damit steht der Kurbelwellenmann heute nicht nur für die Menschen hinter der industriellen Produktion, sondern auch für die Frage, wie wir mit Kunst und Denkmälern umgehen, die in einem ideologisch belasteten historischen Kontext entstanden sind.
Rohling
Kurbelwellenrohling
Dieser Kurbelwellenrohling zeigt eine Kurbelwelle unmittelbar nach dem Schmiedeprozess – noch bevor Lagerstellen, Zapfen und Oberflächen präzise bearbeitet werden. Durch das Schmieden erhält das Bauteil seine grundlegende Form und die notwendige Festigkeit, um später den hohen Belastungen eines Motors standzuhalten.
In der Opel-Schmiede in Rüsselsheim gehörten solche Rohlinge über Jahrzehnte zum Produktionsalltag. Aus dem massiven Stück Stahl entstand in weiteren Bearbeitungsschritten eines der zentralen Bauteile des Motors.
Kurbelwelle
Diese Kurbelwelle wurde im Opelwerk Rüsselsheim gefertigt. Aus einem geschmiedeten Rohling entstand durch präzise Bearbeitung ein hochbelastbares Herzstück des Motors. Ihre Aufgabe ist es, die Auf- und Abbewegung der Kolben in eine Drehbewegung umzuwandeln und die Kraft an den Antriebsstrang weiterzugeben.
Von der Schmiede bis zum fertigen Bauteil steht sie exemplarisch für die industrielle Fertigung und das technische Know-how, das den Opel-Standort Rüsselsheim über Generationen geprägt hat.
Vom Rohling zum fertigen Zahnrad
Die ausgestellten Bauteile zeigen die Entstehung eines Zahnrads in mehreren Fertigungsstufen. Am Anfang steht der geschmiedete Rohling, der bereits seine grundlegende Form besitzt. Anschließend wird das Werkstück Schritt für Schritt mechanisch bearbeitet: Flächen und Bohrungen werden präzisiert, die Verzahnung eingebracht und die Oberflächen weiter veredelt.
Am Ende entsteht aus dem massiven Schmiedestück ein hochpräzises Zahnrad für das Getriebe – ein anschauliches Beispiel dafür, wie aus geschmiedetem Stahl durch zahlreiche Bearbeitungsschritte ein komplexes Bauteil des Automobils wird.
Vom Rohling zur Getriebewelle
Die ausgestellten Bauteile zeigen die Fertigung einer Getriebewelle in aufeinanderfolgenden Arbeitsschritten. Ausgangspunkt ist der geschmiedete Rohling, dessen Form bereits die späteren Funktionsbereiche erkennen lässt. Durch Drehen und weitere spanende Bearbeitung entstehen zunächst die präzisen Durchmesser und Lagersitze.
In den folgenden Schritten werden Verzahnungen und Zahnradbereiche herausgearbeitet und die Oberflächen veredelt. So wird aus einem massiven Schmiedeteil Schritt für Schritt eine hochpräzise Getriebewelle – vom Rohling bis zum einbaufertigen Bauteil.
WERKSPUREN
Während meiner Arbeit in der ehemaligen Opel-Schmiede begegneten mir immer wieder kleine Spuren des Arbeitsalltags: Schrauben, Muttern, Metallreste, ein Schlüssel, eine alte Kronkorke – und sogar ein zurückgelassener Aschenbecher mit Zigarettenstummeln.
Ich begann, diese Fundstücke zu sammeln und zusammenzuführen. Für sich genommen sind es unscheinbare Dinge. Gemeinsam werden sie zu Werkspuren – zu einem stillen Archiv der Menschen, die hier gearbeitet haben. Dinge, die geblieben sind, nachdem die Maschinen verstummten.
Inge Besgen · Kurbelwellen
Für diese Skulptur fügt Inge Besgen drei Kurbelwellen zu einer neuen Form zusammen. Bauteile, die ursprünglich für Bewegung, Kraftübertragung und industrielle Präzision geschaffen wurden, verlieren ihre technische Funktion und werden zum künstlerischen Material.
Gerade in der ehemaligen Opel-Schmiede M1 erhält die Arbeit eine besondere Bedeutung: Die Kurbelwelle wird vom Produkt der Industrie zum Zeitzeugen und Kunstobjekt – eine Verbindung zwischen Arbeit, Material, Erinnerung und der Geschichte des Ortes.
Schmiedegrat
Dieses Stück ist kein eigentliches Bauteil, sondern entsteht beim Schmieden eines Kurbelwellenrohlings. Wenn der glühende Stahl unter hohem Druck in seine Form gepresst wird, tritt überschüssiges Material an den Rändern der Schmiedeform aus. Dieser sogenannte Schmiedegrat wird anschließend vom Rohling abgetrennt.
Was in der Produktion als Ausschuss zurückbleibt, macht hier den Entstehungsprozess der Kurbelwelle sichtbar – wie ein materieller Abdruck des Schmiedevorgangs.
WERKSPUREN · Schilder des Arbeitsalltags
Überall im Opelwerk regelten und begleiteten Schilder den täglichen Arbeitsablauf: Warnungen, Verbote, Sicherheits- und Hinweisschilder gehörten selbstverständlich zum Bild der Werkshallen.
Viele dieser Schilder sind heute verschwunden. Geblieben sind Umrisse, Bohrlöcher und Verfärbungen an den Wänden – stille Spuren ihrer früheren Plätze. Die erhaltenen Originalschilder machen sichtbar, was die Architektur heute nur noch erahnen lässt: den Alltag eines arbeitenden Werks.
Opel Korrektions-Schutzbrille
Diese Opel-Schutzbrille mit Etui und individuell angepasster Sehstärke erzählt von einem oft übersehenen Teil des Arbeitsalltags im Rüsselsheimer Werk: dem Schutz der Menschen an den Maschinen. Opel beschäftigte eigene Werksoptiker, die Schutzbrillen anpassten und für Beschäftigte mit Sehschwäche spezielle Korrektions-Schutzbrillen anfertigten. Für 1976 sind allein im Rüsselsheimer Werk vier Werksoptiker für rund 25.000 Beschäftigte dokumentiert.
Als persönlicher Gebrauchsgegenstand ist sie eine besondere Werkspur: Sie erzählt nicht von Maschinen oder Fahrzeugen, sondern von einem Menschen, der hier gearbeitet hat.
Opel Arbeitsjacke · Werk Rüsselsheim
Dieser grüne Opel-Arbeitskittel mit gelben Streifen und aufgenähtem Blitz steht für die Menschen hinter der Produktion. Arbeitskleidung wie diese gehörte zum Alltag im Rüsselsheimer Werk und machte zugleich die Zugehörigkeit zu Opel sichtbar.
Gestaltung, Farbgebung und Ausführung sprechen für die 1970er bis frühen 1980er Jahre. Heute ist der Kittel mehr als Arbeitskleidung: Er ist eine persönliche Werkspur und Erinnerung an die Menschen, die zwischen Maschinen, Hitze und Stahl gearbeitet haben.
Vier-Zylinder-Kurbelwelle · Rüsselsheim
Diese Vier-Zylinder-Kurbelwelle steht exemplarisch für die Bauteile, die über Jahrzehnte in der Opel-Schmiede in Rüsselsheim gefertigt wurden. Aus einem massiven Stück Stahl geschmiedet und anschließend präzise bearbeitet, gehört sie zu den zentralen Komponenten eines Verbrennungsmotors.
Ihre Aufgabe ist es, die Auf- und Abbewegung der Kolben in eine Drehbewegung umzuwandeln und so die Kraft des Motors an den Antriebsstrang weiterzugeben. Ein Bauteil, das wie kaum ein anderes für das Zusammenspiel von Schmiedekunst, Präzision und Rüsselsheimer Automobilgeschichte steht.
Aluminium-Schutzhelm
Dieser Aluminium-Schutzhelm steht für den Arbeitsalltag in der Opel-Schmiede in Rüsselsheim. Auf historischen Fotografien aus den 1950er- und 1960er-Jahren sind Mitarbeiter der Schmiede mit vergleichbaren Helmen zu sehen.
In einer Umgebung geprägt von Hitze, Funkenflug, schwerem Stahl und mächtigen Schmiedehämmern war der Helm Teil der persönlichen Schutzausrüstung. Heute ist er eine besondere Werkspur der Menschen, die unter diesen Bedingungen in der Schmiede gearbeitet haben.
Gesund mit Gehörschutz
Wo heute standardisierte Piktogramme auf Schutzmaßnahmen hinweisen, vermittelten früher großformatige, teilweise von Hand gestaltete Schilder die Regeln des Arbeitsschutzes. „Gesund mit Gehörschutz! …und Du?“ erinnert eindringlich an eine der größten Belastungen in der Opel-Schmiede: den Lärm.
Vor allem die gewaltigen Mammuthämmer erzeugten bei jedem Schlag extreme Schall- und Druckbelastungen. Gehörschutz war deshalb für die Beschäftigten ein unverzichtbarer Teil des Arbeitsalltags – das Schild ist heute selbst zu einer Werkspur dieser Arbeitswelt geworden.
Wer heute M1 betritt, hört zunächst vor allem eines:
Stille.
Kaum vorstellbar, dass diese Halle einmal für das genaue Gegenteil gebaut wurde.
260 Meter lang.
24 Meter breit.
15 Meter hoch.
Fast so lang wie die Titanic.

1936 beginnt in Rüsselsheim der Bau der großen Gesenkschmiede.
Am 6. August 1937 berichtet die Main-Spitze anlässlich des Firmenjubiläums und der Einweihung des Adam-Opel-Denkmals über die neue Anlage:
„Die ersten der 26 Mammuthämmer arbeiten.“
26 Mammuthämmer.
Eine Zahl, die vielleicht erahnen lässt, wie dieser Ort einmal geklungen haben muss.
M1 steht für eine neue Generation industrieller Produktion. Und auch ihre Architektur erzählt davon.
Große Fensterflächen. Oberlichter. Weite Spannweiten. Klare Raster. Eine Konstruktion, die ihre Funktion nicht versteckt.
Gedanken der klassischen Moderne und des Neuen Bauens leben hier weiter – zu einer Zeit, in der das Bauhaus selbst bereits Geschichte ist.
Eine Architektur, die arbeitet.
Doch gebaut wird M1 vor allem für Extreme. Für Feuer. Für Lärm. Für Stahl.
Für Kraft.
Und mitten in dieser gigantischen Halle entsteht über Jahrzehnte ein Bauteil, das später niemand mehr sieht:
die Kurbelwelle.
Tief im Motor übersetzt sie die Bewegung der Kolben in Drehbewegung.
Bevor sie dort verschwindet, beginnt ihre Geschichte hier.
Als Stahl.
Er wird erhitzt, bis er glüht. Geschlagen. Gepresst. Geformt.
Die Kurbelwelle wird damit zum roten Faden durch die Geschichte von M1.
Denn an ihr lässt sich nicht nur zeigen, was hier produziert wurde.
An ihr lässt sich erzählen, wie sich Arbeit verändert hat.
Doch Industriegeschichte ist niemals nur die Geschichte von Maschinen.




Sie ist eine Geschichte von Menschen.
Und zu ihr gehören auch Menschen, die nicht freiwillig hier waren.
Während des Zweiten Weltkriegs werden Zwangsarbeiter bei Opel eingesetzt.
Einer von ihnen ist der Niederländer Janus Tuns.
Er arbeitet in Zwölf-Stunden-Schichten in der Schmiede und erinnert sich später an Hunger, extreme Hitze und ohrenbetäubenden Lärm.
Am 10. Juli 1944, nach einem Jahr in Deutschland, hält er seine Erfahrungen in einem Gedicht fest:
„Junges Holland in der Fremde“
Es erzählt vom Abschied von seiner Mutter.
Von der Reise nach Deutschland.
Von Rüsselsheim.
Von Hunger und Heimweh.
Von der Schmiede.
Und vom Fliegeralarm.
Tuns schreibt über einen Ort, den wir heute mit vollkommen anderen Augen betreten können.
Sein Gedicht ist deshalb Teil der Ausstellung.
Vollständig.
Nicht von mir nacherzählt.
Sondern in seinen eigenen Worten.
Dann erreicht der Krieg auch M1 selbst.
1944.



Fliegeralarm.
Motoren am Himmel.
Explosionen.
Schwere Luftangriffe treffen das Opel-Werk.
Fenster zerbersten. Dachflächen werden zerstört. Historische Fotografien zeigen die schwer beschädigte Schmiede.
Doch Teile ihres Stahlgerippes bleiben stehen.
Nach dem Krieg beginnt der Wiederaufbau.
Wo schweres Gerät fehlt, arbeiten Menschen mit Flaschenzügen und Seilwinden.
1949 brennen hier bereits wieder
49 gasbeheizte Öfen.
Das Feuer kehrt zurück.
Der Lärm kehrt zurück.
Die Produktion kehrt zurück.
Doch die Schmiede, die zurückkehrt, bleibt nicht dieselbe.
Anfang der 1960er-Jahre beginnt ein weiterer Schichtwechsel.
Im Erweiterungsbau entsteht eine automatisierte Kurbelwellenstraße – laut Opel die erste Anlage ihrer Art in Europa.
Vier Meter lange Stahlstäbe verschwinden in einem gewaltigen Drehherdofen.
Bis zu
1.290 °C.
Dann beginnt ihre Reise durch die Anlage.
Zur Ajax-Presse.
6.000 Tonnen Presskraft.
Zwei Presshübe.
Abgraten.
Richten.
Wenn die Kurbelwellen die Anlage verlassen, sind sie noch immer etwa 700 Grad heiß.
Aus einem Stück Stahl wird innerhalb eines hochorganisierten Prozesses das Herzstück eines Motors.
1977 steht der Mensch trotzdem noch immer unmittelbar am Feuer.
Stahl durchläuft verschiedene Heizzonen, bis er etwa 1.270 Grad erreicht.
Eine automatische Zange holt den glühenden Rohling aus dem Ofen.
Er wird entzundert.
Gewalzt.
Dann übernimmt der Schmied.
Mit seiner Zange führt er den Stahl in das Gesenk der Ajax-Presse.
Ein Fußschalter.
Ein Presshub.
Tausende Tonnen Kraft.
Der Schmied dreht das Werkstück.
Noch ein Hub.
Sekunden später hat der Stahl seine Form.
Maschine und Mensch arbeiten nebeneinander.
Noch.
1980 zeigt sich, wohin die Reise geht.
Mit der Hatebur AMP 70 Hotmatic kommt eine Maschine nach M1, fast so groß wie ein kleines Haus.

Sie fertigt Zahnräder für das Getriebe des Kadett.
Vollautomatisch.
Der Arbeiter steht nicht mehr unmittelbar am glühenden Stahl.
Er steht am Kommandopult.
Er beobachtet.
Er steuert.
Eine Schallschutzkabine hält Lärm und Hitze auf Abstand.
Aus Handarbeit wird zunehmend Steuerung.
Aus Muskelkraft Maschinenkraft.
Der Mensch verändert seinen Platz in der Fabrik.
Vielleicht steckt genau darin die eigentliche Bedeutung eines Wortes, das diesen Ort über Jahrzehnte bestimmt:
SCHICHTWECHSEL.
Morgens kommen die einen.
Andere gehen nach Hause.
Dann beginnt die nächste Schicht.
Aber hier wechseln nicht nur Menschen.
Die Maschinen wechseln.
Die Arbeit wechselt.
Eine ganze Zeit wechselt.
Bis 2021.
Nach mehr als acht Jahrzehnten endet die industrielle Nutzung der Schmiede.
Die Öfen erlöschen.
Die Maschinen verstummen.
Und zum ersten Mal folgt auf einen Schichtwechsel
keine nächste Schicht mehr.
Zurück bleibt M1.
260 Meter Industriegeschichte.
Und genau hier beginnt für mich diese Ausstellung.
Denn M1 ist heute nicht leer.
Man muss nur lernen, wieder hinzusehen.
Auf den Boden.
Auf die Wände.
Auf alte Leitungen.
Auf Fundamente.
Auf Ruß.
Auf die Stellen, an denen einmal Maschinen standen.
Und auf die Geschichten der Menschen, die hier gearbeitet haben.
Genau das versucht Artmap seit seinem Beginn:
Orte nicht nur zu zeigen, sondern ihre Geschichten wieder sichtbar zu machen.
Normalerweise geschieht das digital – draußen in Rüsselsheim, auf dem Smartphone, über Fotografie, Audio und Geschichten.
Mit SCHICHTWECHSEL · M1 WERKSPUREN durfte dieser Gedanke erstmals selbst in einen historischen Raum einziehen.
Aus Artmap wurde eine Ausstellung.
Aus Recherche wurden Exponate.
Aus Archivmaterial wurden Geschichten.
Und aus einer stillgelegten Schmiede wird für einen Moment wieder ein Ort voller Stimmen.
Dass dies möglich wurde, verdanke ich der Unterstützung von Opel Classic, der Stadt Rüsselsheim am Main, dem Stadt- und Industriemuseum, dem Stadtarchiv und dem Heimatverein Rüsselsheim.
Sie haben Archive geöffnet, Wissen geteilt, Material zugänglich gemacht und damit geholfen, die vielen einzelnen Spuren dieses Ortes zusammenzuführen.
Denn vielleicht ist genau das die Aufgabe einer solchen Ausstellung:
Nicht die Vergangenheit zu rekonstruieren, als wäre sie nie verschwunden.
Sondern das sichtbar zu machen, was von ihr geblieben ist.
Das Feuer ist verschwunden.
Der Lärm ist verschwunden.
Die Maschinen sind verschwunden.
Aber M1 ist noch da.
Und manchmal erzählen gerade die Dinge, die fehlen, am meisten über das, was einmal war.
Was bleibt, sind Werkspuren.