8. September 2026

OPEL SCHMIEDE

SCHICHTWECHSEL / M1 WERKSPUREN

Wenn Artmap selbst Teil eines Ortes wird.

Normalerweise geht Artmap hinaus in die Stadt.

Ich suche nach Spuren.
Nach Geschichten hinter Gebäuden, Kunstwerken und Orten, an denen wir jeden Tag vorbeigehen.

Diesmal ist etwas anders.

Zum ersten Mal durfte ich aus dieser Art, Geschichte zu erzählen, eine museale Artmap-Ausstellung konzipieren und kuratieren.

Und dafür gibt es wahrscheinlich keinen passenderen Ort als diesen:

M1. Die alte Opel-Schmiede.

Exponate der Ausstellung

Arbeiten, Objekte und Spuren aus dem Ausstellungsraum.

Illustration

Opel Kadett

Opel CIH-Motor

„Ripped´s“

Kurbelwellenmann

Rohling

Kurbelwelle

Vom Rohling zum fertigen Zahnrad

Vom Rohling zur Getriebewelle

WERKSPUREN

Inge Besgen · Kurbelwellen

Schmiedegrat

WERKSPUREN · Schilder des Arbeitsalltags

Opel Korrektions-Schutzbrille

Opel Arbeitsjacke · Werk Rüsselsheim

Vier-Zylinder-Kurbelwelle · Rüsselsheim

Aluminium-Schutzhelm

Gesund mit Gehörschutz

Wer heute M1 betritt, hört zunächst vor allem eines:

Stille.

Kaum vorstellbar, dass diese Halle einmal für das genaue Gegenteil gebaut wurde.

260 Meter lang.
24 Meter breit.
15 Meter hoch.

Fast so lang wie die Titanic.

1936 beginnt in Rüsselsheim der Bau der großen Gesenkschmiede.

Am 6. August 1937 berichtet die Main-Spitze anlässlich des Firmenjubiläums und der Einweihung des Adam-Opel-Denkmals über die neue Anlage:

„Die ersten der 26 Mammuthämmer arbeiten.“

26 Mammuthämmer.

Eine Zahl, die vielleicht erahnen lässt, wie dieser Ort einmal geklungen haben muss.

M1 steht für eine neue Generation industrieller Produktion. Und auch ihre Architektur erzählt davon.

Große Fensterflächen. Oberlichter. Weite Spannweiten. Klare Raster. Eine Konstruktion, die ihre Funktion nicht versteckt.

Gedanken der klassischen Moderne und des Neuen Bauens leben hier weiter – zu einer Zeit, in der das Bauhaus selbst bereits Geschichte ist.

Eine Architektur, die arbeitet.

Doch gebaut wird M1 vor allem für Extreme. Für Feuer. Für Lärm. Für Stahl.

Für Kraft.

Und mitten in dieser gigantischen Halle entsteht über Jahrzehnte ein Bauteil, das später niemand mehr sieht:

die Kurbelwelle.

Tief im Motor übersetzt sie die Bewegung der Kolben in Drehbewegung.

Bevor sie dort verschwindet, beginnt ihre Geschichte hier.

Als Stahl.

Er wird erhitzt, bis er glüht. Geschlagen. Gepresst. Geformt.

Die Kurbelwelle wird damit zum roten Faden durch die Geschichte von M1.

Denn an ihr lässt sich nicht nur zeigen, was hier produziert wurde.

An ihr lässt sich erzählen, wie sich Arbeit verändert hat.

Doch Industriegeschichte ist niemals nur die Geschichte von Maschinen.

Sie ist eine Geschichte von Menschen.

Und zu ihr gehören auch Menschen, die nicht freiwillig hier waren.

Während des Zweiten Weltkriegs werden Zwangsarbeiter bei Opel eingesetzt.

Einer von ihnen ist der Niederländer Janus Tuns.

Er arbeitet in Zwölf-Stunden-Schichten in der Schmiede und erinnert sich später an Hunger, extreme Hitze und ohrenbetäubenden Lärm.

Am 10. Juli 1944, nach einem Jahr in Deutschland, hält er seine Erfahrungen in einem Gedicht fest:

„Junges Holland in der Fremde“

Es erzählt vom Abschied von seiner Mutter.

Von der Reise nach Deutschland.

Von Rüsselsheim.

Von Hunger und Heimweh.

Von der Schmiede.

Und vom Fliegeralarm.

Tuns schreibt über einen Ort, den wir heute mit vollkommen anderen Augen betreten können.

Sein Gedicht ist deshalb Teil der Ausstellung.

Vollständig.

Nicht von mir nacherzählt.

Sondern in seinen eigenen Worten.

Dann erreicht der Krieg auch M1 selbst.

1944.

Fliegeralarm.

Motoren am Himmel.

Explosionen.

Schwere Luftangriffe treffen das Opel-Werk.

Fenster zerbersten. Dachflächen werden zerstört. Historische Fotografien zeigen die schwer beschädigte Schmiede.

Doch Teile ihres Stahlgerippes bleiben stehen.

Nach dem Krieg beginnt der Wiederaufbau.

Wo schweres Gerät fehlt, arbeiten Menschen mit Flaschenzügen und Seilwinden.

1949 brennen hier bereits wieder

49 gasbeheizte Öfen.

Das Feuer kehrt zurück.

Der Lärm kehrt zurück.

Die Produktion kehrt zurück.

Doch die Schmiede, die zurückkehrt, bleibt nicht dieselbe.

Anfang der 1960er-Jahre beginnt ein weiterer Schichtwechsel.

Im Erweiterungsbau entsteht eine automatisierte Kurbelwellenstraße – laut Opel die erste Anlage ihrer Art in Europa.

Vier Meter lange Stahlstäbe verschwinden in einem gewaltigen Drehherdofen.

Bis zu

1.290 °C.

Dann beginnt ihre Reise durch die Anlage.

Zur Ajax-Presse.

6.000 Tonnen Presskraft.

Zwei Presshübe.

Abgraten.

Richten.

Wenn die Kurbelwellen die Anlage verlassen, sind sie noch immer etwa 700 Grad heiß.

Aus einem Stück Stahl wird innerhalb eines hochorganisierten Prozesses das Herzstück eines Motors.

1977 steht der Mensch trotzdem noch immer unmittelbar am Feuer.

Stahl durchläuft verschiedene Heizzonen, bis er etwa 1.270 Grad erreicht.

Eine automatische Zange holt den glühenden Rohling aus dem Ofen.

Er wird entzundert.

Gewalzt.

Dann übernimmt der Schmied.

Mit seiner Zange führt er den Stahl in das Gesenk der Ajax-Presse.

Ein Fußschalter.

Ein Presshub.

Tausende Tonnen Kraft.

Der Schmied dreht das Werkstück.

Noch ein Hub.

Sekunden später hat der Stahl seine Form.

Maschine und Mensch arbeiten nebeneinander.

Noch.

1980 zeigt sich, wohin die Reise geht.

Mit der Hatebur AMP 70 Hotmatic kommt eine Maschine nach M1, fast so groß wie ein kleines Haus.

Fertigung im Opel-Werk Rüsselsheim 1975: Schmiede M1

Sie fertigt Zahnräder für das Getriebe des Kadett.

Vollautomatisch.

Der Arbeiter steht nicht mehr unmittelbar am glühenden Stahl.

Er steht am Kommandopult.

Er beobachtet.

Er steuert.

Eine Schallschutzkabine hält Lärm und Hitze auf Abstand.

Aus Handarbeit wird zunehmend Steuerung.

Aus Muskelkraft Maschinenkraft.

Der Mensch verändert seinen Platz in der Fabrik.

Vielleicht steckt genau darin die eigentliche Bedeutung eines Wortes, das diesen Ort über Jahrzehnte bestimmt:

SCHICHTWECHSEL.

Morgens kommen die einen.

Andere gehen nach Hause.

Dann beginnt die nächste Schicht.

Aber hier wechseln nicht nur Menschen.

Die Maschinen wechseln.

Die Arbeit wechselt.

Eine ganze Zeit wechselt.

Bis 2021.

Nach mehr als acht Jahrzehnten endet die industrielle Nutzung der Schmiede.

Die Öfen erlöschen.

Die Maschinen verstummen.

Und zum ersten Mal folgt auf einen Schichtwechsel

keine nächste Schicht mehr.

Zurück bleibt M1.

260 Meter Industriegeschichte.

Und genau hier beginnt für mich diese Ausstellung.

Denn M1 ist heute nicht leer.

Man muss nur lernen, wieder hinzusehen.

Auf den Boden.

Auf die Wände.

Auf alte Leitungen.

Auf Fundamente.

Auf Ruß.

Auf die Stellen, an denen einmal Maschinen standen.

Und auf die Geschichten der Menschen, die hier gearbeitet haben.

Genau das versucht Artmap seit seinem Beginn:

Orte nicht nur zu zeigen, sondern ihre Geschichten wieder sichtbar zu machen.

Normalerweise geschieht das digital – draußen in Rüsselsheim, auf dem Smartphone, über Fotografie, Audio und Geschichten.

Mit SCHICHTWECHSEL · M1 WERKSPUREN durfte dieser Gedanke erstmals selbst in einen historischen Raum einziehen.

Aus Artmap wurde eine Ausstellung.

Aus Recherche wurden Exponate.

Aus Archivmaterial wurden Geschichten.

Und aus einer stillgelegten Schmiede wird für einen Moment wieder ein Ort voller Stimmen.

Dass dies möglich wurde, verdanke ich der Unterstützung von Opel Classic, der Stadt Rüsselsheim am Main, dem Stadt- und Industriemuseum, dem Stadtarchiv und dem Heimatverein Rüsselsheim.

Sie haben Archive geöffnet, Wissen geteilt, Material zugänglich gemacht und damit geholfen, die vielen einzelnen Spuren dieses Ortes zusammenzuführen.

Denn vielleicht ist genau das die Aufgabe einer solchen Ausstellung:

Nicht die Vergangenheit zu rekonstruieren, als wäre sie nie verschwunden.

Sondern das sichtbar zu machen, was von ihr geblieben ist.

Das Feuer ist verschwunden.

Der Lärm ist verschwunden.

Die Maschinen sind verschwunden.

Aber M1 ist noch da.

Und manchmal erzählen gerade die Dinge, die fehlen, am meisten über das, was einmal war.

Was bleibt, sind Werkspuren.

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