12. Mai 2026

MELANIJA ANLAGE

Die Säulen, die geblieben sind

Die Ami-Kaserne meiner Kindheit

Für viele Rüsselsheimerinnen und Rüsselsheimer war dieser Ort lange einfach nur die Ami-Kaserne.

Auch für mich war er zuerst genau das: ein Gelände, das zum Stadtbild gehörte. Amerikanische Soldaten, Zäune, eine andere Ordnung. Als Kind und Jugendlicher habe ich diesen Ort nicht als historischen Ort gelesen. Er war da. Wie so vieles in einer Stadt einfach da ist, bevor man beginnt, Fragen zu stellen.

Ich erinnere mich noch an die Azbill Barracks. An die amerikanische Präsenz in Rüsselsheim. An Soldaten, die damals zum Stadtbild gehörten. Als Teenager konnte man über Freunde manchmal sogar Dinge aus dem PX bekommen. Kleine Stücke einer anderen Welt, begehrt, fremd, amerikanisch.

Erst viel später wurde mir klar, dass dieser Ort nicht erst mit den Amerikanern begonnen hat.

Vor der Kaserne war das Parteiheim

Das Hauptgebäude der heutigen Obermayr Europa-Schule wurde 1936 als Parteiheim der Rüsselsheimer NSDAP gebaut. Nach dem Krieg wurde es zur Kaserne der US-Armee umfunktioniert, später gaben die Amerikaner den Standort auf, heute wird daraus Schule und Alltag. Das Stadt- und Industriemuseum beschreibt auch die noch sichtbare Sprache der Architektur: Mittelachse, „Führerbalkon“, Säulen und der vorgelagerte Platz

Und genau darin liegt für mich die Schwere dieses Ortes.

Nicht das Gebäude allein war verantwortlich. Aber es war Teil einer Struktur. Teil eines Systems aus Menschen, Ämtern, Schreibtischen, Befehlen, Denunziationen, Verfolgung und Deportationen.

Ein Ort, an dem Verwaltung nicht abstrakt war.
Ein Ort, an dem Ideologie eine Adresse hatte.

Wenn man heute davor steht, sieht man keine Hakenkreuze mehr. Keine Fahnen. Keine Reichsadler. Aber man sieht noch die Form. Die Geste. Die Achse. Die Säulen.

Und manchmal reicht genau das, um zu begreifen: Geschichte verschwindet nicht, nur weil ihre Symbole entfernt wurden.

Eine Stadt im System

Die Geschichte dieses Ortes steht nicht allein.

Sie gehört zu einer Stadt, in der Menschen verfolgt, entrechtet, deportiert und ermordet wurden. Daran erinnern heute die Stolpersteine. Seit 2007 trägt die Rüsselsheimer Stolperstein-Initiative Namen und Lebensgeschichten von Menschen zusammen, die zwischen 1933 und 1945 verfolgt wurden, Widerstand leisteten oder Opfer des Faschismus wurden.

Auch die Zwangsarbeit gehört zu dieser Stadtgeschichte. Bei Opel mussten während des Zweiten Weltkriegs mehr als 7.000 Zwangsarbeiterinnen, Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene in der Rüstungs- und Kriegsproduktion arbeiten. 2016 wurde vor dem Opel-Hauptportal eine Stolperschwelle zur Erinnerung an sie verlegt.

Und dann sind da die Rüsselsheimer Lynchmorde: Am 26. August 1944 wurden sechs amerikanische Kriegsgefangene in Rüsselsheim ermordet. Auch dieses Verbrechen gehört zu den dunkelsten Kapiteln der Stadtgeschichte, daran erinnert heute das Mahnmal Menschlichkeit.

Deshalb kann man dieses ehemalige Parteiheim nicht isoliert betrachten.

Es war nicht nur ein Gebäude.
Es war Teil einer Zeit, in der eine Stadt in ein System eingespannt war.
Ein System, das Menschen sortierte, ausschloss, ausbeutete, deportierte und ermordete.

Kein sauberer Schnitt

Das Kriegsende hat die Symbole entfernt.
Aber nicht automatisch die Strukturen.

Die Hakenkreuze verschwanden. Die Reichsadler wurden abgenommen. Der Ort bekam eine neue Nutzung. Aus dem Parteiheim wurde eine amerikanische Kaserne. Später ein Schulgebäude.

Aber die Menschen, die dieses System getragen hatten, verschwanden nicht einfach aus der Stadt. Das Stadtarchiv beschreibt genau diese Kontinuität nach 1945: ehemalige Parteimitglieder, Funktionäre, Beamte und Helfer des Regimes fanden in vielen Bereichen wieder ihren Platz, in Verwaltungen, Gerichten, Polizei und öffentlichen Strukturen.

Vielleicht ist das der Punkt, der mich am meisten beschäftigt.

Die „Architektur“ war nicht mit dem 8. Mai 1945 vorbei.

Nicht die Architektur aus Stein.
Und auch nicht die Architektur aus Beziehungen, Ämtern, Karrieren und Schweigen.

Man konnte Symbole ablegen.
Man konnte Uniformen wechseln.
Man konnte wieder Polizist, Lehrer, Anwalt, Beamter werden.

Aber was passiert mit einer Stadt, wenn die alten Strukturen nur ihre Zeichen verlieren?

Die Säulen

Auf alten Bildern sieht man vor dem Gebäude die amerikanische Flagge am Fahnenmast. Links und rechts davon jene Säulen, auf denen bis 1945 noch Reichsadler mit Hakenkreuz standen.

Diese Überlagerung lässt mich nicht los.

Ein Ort, der seine Symbole wechselt.
Ein Gebäude, das seine Funktion wechselt.
Eine Architektur, die bleibt.

Heute stehen dort keine Adler mehr. Kein Hakenkreuz. Keine Stars and Stripes. Heute stehen dort Schule, Wohngebiet, Alltag.

Aber die Säulen sind noch da.

Für mich sind sie keine Denkmäler im klassischen Sinn. Sie ehren nichts. Sie stehen eher wie Reste einer Sprache, deren gefährlichste Wörter entfernt wurden.

Man sieht ihnen nicht sofort an, was sie einmal getragen haben. Aber wenn man es weiß, verändert sich der Blick.

Dann wird aus einem Schulhof ein Geschichtsort.
Aus einem Gebäude eine Schichtung.
Aus zwei Säulen eine Frage.

Rüsselsheim Kaserne, Azbill Barracks

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Gelände von der US-Armee genutzt. Zunächst hieß der Standort Rüsselsheim Kaserne, am 12. Juli 1967 wurde er in Azbill Barracks umbenannt. Namensgeber war Warrant Officer Roy Gorden Azbill, der 1964 im Vietnamkrieg ums Leben kam. Ab Januar 1970 war dort das Hauptquartier des 106th Transportation Battalion untergebracht; zuvor waren dort unter anderem das Hauptquartier der 4th TRANSCOM und die 501st Transportation Company stationiert.

Für Rüsselsheim bedeutete das: Weltgeschichte wurde lokal.

Kalter Krieg, amerikanische Präsenz, Militärlogistik, aber eben auch Alltag. Die Soldaten waren nicht nur eine abstrakte Besatzungsmacht oder eine militärische Struktur. Sie waren da. Man sah sie. Sie gehörten für viele Menschen zur Stadt.

Beim schweren S-Bahn-Unglück am 2. Februar 1990 waren US-Soldaten der benachbarten Azbill-Kaserne die ersten Helfer am Unfallort. Das THW Rüsselsheim erinnert an 17 Todesopfer und mehr als 150 Verletzte.

Auch das gehört zur Geschichte dieses Ortes.

Ein ehemaliges Parteiheim.
Eine amerikanische Kaserne.
Ein Ort der Hilfe.
Ein Schulgebäude.
Ein Wohngebiet.

Geschichte liegt selten sauber sortiert.
Sie liegt übereinander.

Melanija — ein Name als Spur

Was ich bisher nicht eindeutig herausfinden konnte, ist, warum die Anlage heute Melanija-Anlage heißt.

Bei eKom und in städtischen Unterlagen taucht der Name als Straßenbezeichnung auf.

Und dann gibt es diese auffällige Spur: Im Archivbestand des Stadtarchivs Rüsselsheim zur Zwangsarbeit findet sich der Hinweis auf „Erinnerungen der Zwangsarbeiterin Melanii Kirilowna“, die im Mai 1999 an das Stadtarchiv weitergeleitet wurden.

Ich will daraus keinen Beweis machen, solange ich nicht den Benennungsbeschluss gefunden habe

Aber als Spur ist es interessant.

2014 startete ein Kreuzgang unter dem Titel „Gegen das Vergessen: Zwangsarbeiter in Rüsselsheim“ und begann mit der Melanija-Anlage als Treffpunkt.

Vielleicht ist genau das der Punkt: Manche Namen stehen im Stadtplan, aber ihre Geschichte ist nicht mehr sofort lesbar.

Man muss sie freilegen.
Man muss fragen.
Man muss den Ort wieder zum Sprechen bringen.

Schule auf belastetem Grund

Heute wird das frühere Hauptgebäude als Schulgebäude genutzt.

Das ist schwer und hoffnungsvoll zugleich.

Schwer, weil der Ort eine Geschichte trägt, die nicht leicht ist. Hoffnungsvoll, weil Bildung vielleicht eine der stärksten Antworten auf einen Ort ist, der einmal für Ideologie, Kontrolle und Ausgrenzung stand.

Wo früher Menschen überprüft, eingeordnet und ausgeschlossen wurden, sollte heute gefragt, gelernt, widersprochen und verstanden werden.

Aber damit diese Verwandlung nicht zur Verdrängung wird, braucht es Kontext.

Gerade in Zeiten wie diesen.

Kontext ist keine Nebensache. Kontext ist Schutz.

Gegen das Glätten.
Gegen das Vergessen.
Gegen die bequeme Erzählung, dass mit dem Ende eines Systems auch seine Denkweise verschwunden sei.

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