29. April 2026

LEUCHTENDE VORBILDER

Leuchtende Vorbilder – Die Galerie aus Licht im Ratssaal

Es gibt Kunstwerke, die man nicht nur betrachtet, sondern die einen still begleiten. Die „Galerie aus Licht“ im Ratssaal des Rüsselsheimer Rathauses ist so ein Werk. Sie hängt nicht einfach im Raum, sie schreibt sich in ihn ein. Und mit jedem neuen Porträt wächst sie weiter — langsam, behutsam, im Rhythmus der Jahre, fast so, als würde die Stadt selbst dort oben ein Gedächtnis aus Licht anlegen.

Seit 1998 entsteht hier die Kunstaktion „Einen Bogen spannen mit Leuchtenden Vorbildern“ des Künstlers Vollrad Kutscher. Damals gewann der Frankfurter Künstler den Wettbewerb zur künstlerischen Gestaltung des Ratssaals. Seine Idee war ungewöhnlich und zugleich sehr nah an dem, was eine Stadt im Innersten zusammenhält: nicht Macht oder Repräsentation sichtbar zu machen, sondern Menschen. Menschen, deren Handeln Spuren hinterlassen hat. Menschen, an denen sich eine Stadt erinnern will. Menschen, die im wahrsten Sinne des Wortes zu leuchtenden Vorbildern werden.

Ein Kunstwerk, das nicht abgeschlossen ist

Kutscher installierte im Ratssaal 14 Leuchten, die nach und nach mit individuell gestalteten Glaskappen ergänzt werden sollten. In diese Glaskappen sind die Porträts der geehrten Persönlichkeiten eingearbeitet. Wenn sie leuchten, erscheinen diese Gesichter nicht wie starre Abbilder, sondern wie stille Gegenwarten im Raum — als Erinnerung daran, dass Demokratie nicht im luftleeren Raum entsteht, sondern getragen wird von Haltung, Verantwortung und Menschlichkeit.

An der Rückwand des Ratssaals tauchen die Geehrten zudem in einer Negativ-Projektion als Schattenporträts auf. Licht, Bild und Raum verbinden sich hier zu einer Installation, die weniger Denkmal als Atmosphäre ist. Gerade darin liegt ihre Kraft: Die „Galerie aus Licht“ erklärt nicht nur, sie berührt. Sie macht Erinnerung sichtbar, ohne sie festzuschreiben.

Und vielleicht ist genau das das Besondere an diesem Werk: Es ist nicht fertig. Es ist auf Erweiterung angelegt. Alle drei Jahre kann ein weiteres „Leuchtendes Vorbild“ hinzukommen. So wächst im Herzen des Rathauses seit fast drei Jahrzehnten ein Gruppenporträt der Stadt: offen, fortlaufend und niemals ganz abgeschlossen.

Das Bild, das eine Stadt von sich selbst entwirft

Die ersten beiden „Leuchtenden Vorbilder“, Adam und Sophie Opel, wählte Vollrad Kutscher selbst aus. Danach wurde der Prozess geöffnet: Seitdem können Rüsselsheimer Bürgerinnen und Bürger Vorschläge einreichen und begründen, wer durch sein Wirken für die Stadt ein solches Vorbild darstellt.

Gerade dieser Gedanke macht die Arbeit so stark. Die „Galerie aus Licht“ ist nicht bloß ein künstlerisches Objekt, sondern ein fortlaufender öffentlicher Dialog. Wer soll dort oben leuchten? Welche Geschichten sollen bleiben? Welche Werte sollen sichtbar werden?

So entsteht mit der Zeit nicht nur eine Reihe von Ehrungen, sondern ein Bild davon, wie Rüsselsheim sich selbst versteht. Industrie und Bildung, Kultur und Zivilcourage, soziale Verantwortung und menschliche Integrität, all das erscheint hier nicht abstrakt, sondern in Form konkreter Biografien.

Auch die Brüche dieses Prozesses bleiben sichtbar. Nicht jede Auswahl führte in der Vergangenheit zu einer Einigung. Zwei Plätze in der Galerie blieben deshalb zunächst bewusst frei und erinnern bis heute daran, dass Erinnerungskultur nie vollständig harmonisch ist. Auch das Schweigen, das Ringen und das Nicht-Entscheiden gehören zu ihr.

Vollrad Kutscher und das Porträt als offener Raum

Vollrad Kutschers Arbeit bewegt sich in der Tradition der Porträtdarstellung und überschreitet sie zugleich. Seine atmosphärischen Porträt-Installationen arbeiten mit Licht, Fotografie, Film und räumlicher Inszenierung. Das Porträt wird bei ihm nicht zu einem abgeschlossenen Bild einer Person, sondern zu einem offenen Raum, in dem sich Identität, Erinnerung und gesellschaftlicher Zusammenhang begegnen.

Gerade in Rüsselsheim wird das besonders spürbar. Denn hier entsteht nicht nur ein Porträt des oder der Einzelnen, sondern nach und nach ein Gruppenporträt der Stadtgesellschaft. Die Geehrten erscheinen in ihren sozialen Bezügen, in ihrer Wirkung auf andere, in dem, was sie weitergegeben haben. Die „Galerie aus Licht“ zeigt damit letztlich auch das Bild, das eine Stadt von sich selbst entwirft und immer wieder neu entwerfen muss.

Das neunte Leuchtende Vorbild: Dr. Julius Simon

Mit Dr. Julius Simon wurde das neunte „Leuchtende Vorbild“ der Stadt gewählt. Und es ist eine Ehrung, die sich auf besondere Weise in dieses Kunstwerk einfügt, weil sie an etwas erinnert, das oft leise beginnt und doch weit trägt: Haltung.

Julius Simon wurde am 25. März 1902 in Unter-Schönmattenwag im Odenwald geboren und kam 1933 als Lehrer an die Rüsselsheimer Realschule, die spätere Immanuel-Kant-Schule. Er unterrichtete Deutsch, Englisch und Philosophieund verstand Pädagogik nicht nur als Vermittlung von Wissen, sondern als moralische Aufgabe.

Während des NS-Regimes trat er trotz wiederholten Drucks nicht in die NSDAP ein. Seine persönliche Integrität hatte einen Preis: Seine Beförderung verzögerte sich über Jahre. Doch genau darin zeigt sich die stille Größe dieses Lebenswegs — nicht in großen Gesten, sondern in einer Haltung, die auch dann Bestand hat, wenn Anpassung bequemer gewesen wäre.

Besonders eindrucksvoll wird das in den letzten Kriegsmonaten. Damals gewährte Julius Simon einem ehemaligen Schüler, der desertiert war, in seinem Elternhaus im Odenwald Unterschlupf und rettete ihm damit womöglich das Leben. Dieser Schüler war der spätere Maler Diether Ritzert, der sich Jahre später mit einem großformatigen Gemälde bei seinem Lehrer bedankte.

Nach dem Krieg wurde Simon als unbelasteter Pädagoge wieder in den Schuldienst aufgenommen. Er half beim Wiederaufbau seiner Schule, wurde 1949 Schulleiter und machte das damalige Realgymnasium zu einem Ort der Bildung, Kultur und Demokratie. Er förderte die Schülermitverantwortung, unterstützte eine Schülerzeitung und setzte sich für die Integration von Geflüchteten und Vertriebenen ein. 1956 initiierte er die Umbenennung in Immanuel-Kant-Schule, um bewusst den Geist der Aufklärung und Vernunft gegen das Denken der Diktatur zu stellen.

Auch über seine Schule hinaus wirkte Julius Simon an der Rüsselsheimer Bildungslandschaft mit. Er unterstützte den Neubau der Max-Planck-Schule, die Gründung einer Realschule und des Hessenkollegs. Bildung war für ihn nie nur Institution, sondern Grundlage eines friedlichen und verantwortungsvollen Zusammenlebens.

Die Ehrung Julius Simons beruht auch auf der intensiven Forschungs- und Vermittlungsarbeit des IKS-Lehrers Dr. Franz Horváth, der sein Leben und Wirken über Jahre dokumentiert und für die Stadtgesellschaft sichtbar gemacht hat.

Im Rahmen einer öffentlichen Feierstunde am 24. März 2026 wurde die „Galerie aus Licht“ um das Porträt von Dr. Julius Simon erweitert. Seitdem leuchtet im Ratssaal ein Pädagoge, der für Respekt, Verantwortungsbewusstsein, Zivilcourage und Menschlichkeit steht — Werte, die nicht vergangen wirken, sondern gerade heute eine neue Dringlichkeit haben.

Ein persönlicher Moment zwischen Schule, Erinnerung und neuer Erkenntnis

Ich hatte die Gelegenheit, bei dieser Feierstunde dabei zu sein. Während ich den Zeitzeugengeschichten ehemaliger Schüler zuhörte und den Ausführungen von Dr. Franz Horváth folgte, merkte ich, wie sich diese Ehrung nicht nur als historische Information erschloss, sondern als etwas, das in die eigene Erinnerung hineinreicht.

Ich musste an meine Zeit an der Kantschule denken. An das Kant-Denkmal. An das Diether-Ritzert-Relief im Foyer. Und plötzlich war da diese neue Erkenntnis, dass dieses Werk vielleicht auch deshalb für uns sichtbar wurde, weil Dr. Simon seinem ehemaligen Schüler in einem lebensgefährlichen Moment Schutz gewährte. So bekam etwas, das im Schulalltag beinahe selbstverständlich erschien, plötzlich eine tiefere, fast erschütternde Bedeutung.

Ich dachte auch an Lehrerinnen und Lehrer, die mir selbst gezeigt haben, dass mehr möglich ist — an Herrn HungerFrau Bartner und Frau Eisenbraun. Vielleicht liegt genau darin die Kraft solcher Ehrungen: Dass sie nicht nur vergangene Biografien würdigen, sondern in uns selbst Erinnerungen an die Menschen wachrufen, die uns geprägt haben.

Besonders war für mich auch die Begegnung mit Vollrad Kutscher. Über seine ungewöhnliche Idee zu sprechen, machte noch einmal deutlich, wie einzigartig diese Arbeit ist. Denn die „Galerie aus Licht“ ist nicht einfach eine Reihe von Namen. Sie ist ein Kunstwerk, das seit 1998 weitergeschrieben wird. Ein Werk, das nicht nur erinnert, sondern fragt, verbindet und die Gegenwart mit ins Bild nimmt.

Eine Galerie, die weiterleuchtet

Mit Dr. Julius Simon wurde das neunte „Leuchtende Vorbild“ in die Galerie aufgenommen. Vor ihm wurden bereits geehrt: Adam und Sophie Opel (1998), Walter Rietig (2001), Luise Heßemer (2004), Herta Max (2013), Dr. Günter Neliba (2016), Kostas Alexandridis (2019) und Hertha Dünzinger (2022).

Die nächste Wahl erfolgt turnusgemäß 2028. Dann können die Rüsselsheimer Bürgerinnen und Bürger erneut Vorschläge einreichen und mitentscheiden, wer als nächstes im Ratssaal der Stadt leuchten soll.

Und vielleicht ist genau das das Schönste an diesem Werk:

Dass es nicht nur an Vorbilder erinnert, sondern selbst zu einem Vorbild für Erinnerungskultur geworden ist: offen, lebendig und über Jahre hinweg gewachsen, wie ein leiser Bogen aus Licht durch die Stadtgeschichte.

STANDORT

Navigiere direkt zum passenden Ort.
Lädt …
Du hast Fragen?