6. Mai 2026

JULIA STOTZ

Farbenpracht und Kopfsalat

Zwischen Altstadt, Kaffee und aufgehängten Bildern

Ich besuche Julia Stotz, die viele auch einfach Jule nennen, in Mainz. Sie ist gerade dabei, Bilder für ihre Ausstellung „Farbenpracht und Kopfsalat“ zu hängen.

Es gibt diese besonderen Momente vor einer Ausstellung, in denen ein Raum noch nicht ganz fertig ist, aber schon beginnt zu sprechen. Bilder lehnen an Wänden, Werkzeuge liegen irgendwo herum, Abstände werden geprüft, Entscheidungen getroffen, wieder verworfen, neu gesetzt. Eine Ausstellung entsteht nicht erst bei der Eröffnung. Sie beginnt früher. Im stillen Ringen mit dem Raum.

Bevor wir weiterarbeiten, holen wir uns einen Coffee to go in der Altstadt.

Mainz löst bei mir sofort etwas aus. Ich habe hier einmal gelebt. Während wir durch die Straßen gehen, schiebt sich meine eigene Erinnerung zwischen die Häuserfassaden. Orte, an denen ich vorbeikomme, sind nie nur Orte. Sie tragen frühere Versionen von mir in sich. Mainz ist für mich nicht nur Stadt, sondern ein altes Kapitel, das beim Gehen wieder leise aufblättert.

Mit Kaffee in der Hand wandern wir zurück in die Ausstellungsfläche. Zurück zu Jules Bildern. Zurück zu Farben, Gedankenfetzen und dieser besonderen Unruhe, die entsteht, wenn etwas Inneres sichtbar werden will.

Jule, Bischofsheim und die Verbindung nach Rüsselsheim

Jule ist in Bischofsheim aufgewachsen. Zur Schule ging sie in Rüsselsheim, auf die Parkschule. Und auch wenn ihr Lebensmittelpunkt heute nicht einfach nur über eine Stadt zu erzählen ist, bleibt Rüsselsheim Teil ihrer Biografie.

Über Freundschaften, über das Rind, über Kultur und Begegnungen ist sie bis heute mit der Stadt verbunden. Sie hat beim ersten Bel R! Festival bei der Kunststraße mitgemacht. Auch das ist so eine Spur, die bleibt: ein Festival, ein Ort, eine Straße, Menschen, die Kunst sichtbar machen wollen.

Vielleicht sind es genau diese Verbindungen, aus denen eine regionale Kulturlandschaft entsteht. Nicht durch starre Grenzen zwischen Bischofsheim, Mainz und Rüsselsheim, sondern durch Menschen, die sich bewegen, mitmachen, wiederkommen, weitertragen.

Jule ist eine dieser Menschen.

Kreativität als Sprache, die Kinder verstehen

Heute ist Jule Erzieherin. Aber wenn sie von ihrer Arbeit spricht, merkt man schnell, dass das nur ein Teil der Beschreibung ist.

Sie nutzt ihren eigenen kreativen Drang, um Kindern kreatives Schaffen zu ermöglichen. Nicht als Beschäftigung nebenbei, sondern als echten Ausdruck. Als Möglichkeit, sich selbst zu begegnen. Als Sprache für das, was vielleicht noch keine Worte hat.

Vielleicht ist es etwas, das sie selbst als Kind gelernt hat. Ihr Vater malt. Ihr Bruder malt ebenfalls. Kunst war also nicht nur etwas, das irgendwo in Museen hängt, sondern etwas, das im eigenen Umfeld stattfindet. Etwas Nahes. Etwas Erlaubtes. Etwas, das man einfach tun darf.

Sie spricht engagiert über ihre Arbeit mit Kindern. Aber da ist noch mehr. Es ist nicht nur berufliches Verantwortungsgefühl. Es ist eine echte Überzeugung, dass Kinder Räume brauchen, in denen sie gestalten dürfen. Räume, in denen nicht alles bewertet wird. In denen Farbe nicht ordentlich sein muss. In denen ein Bild nicht erklären muss, warum es existiert.

Sieben Säulen und kleine große Gesten

Besonders spürbar wird das, als Jule von der Litfaßsäule erzählt, die sie mit Kindern gestaltet hat.

In Bischofsheim gibt es sieben Litfaßsäulen, die im Rahmen des Projekts „Sieben Säulen der Kunst“ künstlerisch gestaltet werden. Der KUNST-WÜRFEL e. V. hat die Patenschaft für diese sieben Säulen übernommen; seit 2023 werden sie jährlich von ausgewählten Künstlerinnen und Künstlern neu gestaltet. Die Idee dahinter ist, Kunst direkt in den Alltag zu bringen — dorthin, wo Menschen vorbeigehen, ohne unbedingt mit Kunst zu rechnen.  

Dass Jule mit Kindern an einer solchen Säule arbeitet, passt sehr zu ihr.

Eine Litfaßsäule steht im öffentlichen Raum. Sie ist rund. Man kann sie nicht mit einem Blick erfassen. Man muss um sie herumgehen. Ein Bild wird dort nicht einfach frontal betrachtet, sondern entdeckt sich nach und nach. Genau wie ein Kind nicht auf einen Satz, eine Leistung oder einen Moment reduziert werden kann.

Vielleicht ist das das Schöne daran: Kinder gestalten nicht nur ein Objekt. Sie greifen in den öffentlichen Raum ein. Sie hinterlassen eine Spur im Ort. Sie sehen, dass das, was sie machen, draußen bestehen darf.

Nicht im Bastelordner.
Nicht nur an der Gruppenraumwand.
Sondern mitten in Bischofsheim.

Erinnerungen an Farbe als Ausdruck

Während Jule erzählt, erinnere ich mich an meine eigene Zeit mit dem Jugendbildungswerk.

Vor Covid habe ich regelmäßig dort gearbeitet. Die letzte Aktion fand sogar während der Pandemie statt: das ArtCamp. Fünf Tage. Fünf verschiedene Medien. Und immer die Möglichkeit, Gefühle in Farben auszudrücken.

Ich erinnere mich daran, wie wichtig solche Räume sind. Gerade für junge Menschen. Gerade in Zeiten, in denen vieles nicht ausgesprochen werden kann. Manchmal ist ein Farbstrich ehrlicher als ein Satz. Manchmal sagt eine Fläche mehr als eine Erklärung. Manchmal braucht ein Gefühl keinen Namen, sondern nur einen Ort, an dem es erscheinen darf.

Jules Arbeiten sind Mixed-Media-Arbeiten. Sie wirken nicht wie glatte Oberflächen, die einfach schön sein wollen. Sie tragen kleine Botschaften in sich. Gedankenfetzen. Spuren. Schichten. Vielleicht auch Widersprüche.

Da ist Farbe, aber auch Kopf.
Da ist Spiel, aber auch Nachdenken.
Da ist Leichtigkeit, aber darunter bewegt sich etwas.

Der Titel ihrer Ausstellung „Farbenpracht und Kopfsalat“ bringt genau das zusammen. Farbenpracht klingt nach Fülle, nach Sinnlichkeit, nach einem Überfluss an Wahrnehmung. Kopfsalat klingt nach Durcheinander, nach Gedanken, die ineinander hängen, nach innerem Rascheln.

Vielleicht ist Kunst genau dieser Ort, an dem beides nebeneinander existieren darf.

Das Schöne und das Unsortierte.
Das Bunte und das Fragende.
Das Kindliche und das Erwachsene.
Das Spiel und die Verletzlichkeit.

Jule malt nicht, um alles aufzuräumen.
Sie malt, um sichtbar zu machen, dass Unordnung auch lebendig sein kann.

Der Kunst-Würfel als Möglichkeitsraum

Jule ist inzwischen Teil des Programm-Managements des Kunst-Würfels Bischofsheim. Und irgendwie passt das sehr zu ihr. Denn wenn sie von Kunst spricht, spricht sie nicht nur über eigene Bilder, sondern auch über Räume, die entstehen müssen, damit andere sichtbar werden können.

Der Kunst-Würfel ist für mich so ein besonderer Ort in der Nachbarschaft. Kein klassischer White Cube, kein stiller, abgehobener Ausstellungsraum, sondern ein bunter Kubus, der schon von außen sagt: Hier darf etwas passieren.

Vielleicht mag ich solche Orte deshalb so sehr. Weil sie nicht nur Kunst zeigen, sondern Möglichkeiten schaffen. Für Begegnungen. Für Experimente. Für Menschen, die etwas ausprobieren wollen. Für Kunst, die nicht warten möchte, bis sie irgendwo eingeladen wird.

Durch Jule und ihre Verbindung zum Kunst-Würfel hat sich auch für mich eine neue Tür geöffnet. Ich darf den Kunst-Würfel als Ausstellungsfläche nutzen. Und genau darin liegt für mich etwas sehr Schönes: Kultur entsteht nicht nur durch Institutionen, sondern durch Menschen, die andere mitdenken.

Jule hängt an diesem Tag ihre Bilder in Mainz. Aber während wir sprechen, reicht ihre Geschichte weiter: nach Bischofsheim, nach Rüsselsheim, zur Parkschule, ins Rind, zum Bel R! Festival, zu Kindern, zu Litfaßsäulen, zum Kunst-Würfel — und plötzlich auch zu meiner eigenen nächsten Ausstellungsmöglichkeit.

So entstehen kulturelle Linien.

Nicht gerade.
Nicht geplant.
Aber lebendig.

Farben gegen das Verstummen

Als ich Jule in der Ausstellungsfläche beobachte, denke ich daran, dass Kunst manchmal gar nicht laut sein muss, um viel zu sagen.

Sie kann auch in der Art liegen, wie jemand Kindern einen Pinsel in die Hand gibt.
In der Geduld, mit der ein Bild aufgehängt wird.
In einer Litfaßsäule, die plötzlich nicht mehr nur Werbefläche ist.
In einem Coffee to go zwischen Altstadt und Ausstellung.
In einem Gedankenfetzen, der auf einer Leinwand bleiben darf.

Jule arbeitet mit Farben, aber eigentlich arbeitet sie mit Möglichkeiten.

Mit der Möglichkeit, dass Kinder sich ausdrücken.
Dass Orte bunter werden.
Dass Gedanken sichtbar werden.
Dass Kunst nicht elitär sein muss.
Dass ein Bild auch dann Bedeutung trägt, wenn es nicht alles erklärt.

Vielleicht ist genau das die Verbindung zwischen Farbenpracht und Kopfsalat:

Das Leben ist selten sortiert.
Aber es kann leuchten.

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