4. Mai 2026
IKS RELIEF
Der Weg zurück
Es ist Montagmorgen.
Ich laufe an Trakt 1 vorbei, mein Blick wandert links Richtung Oberstufengebäude. Ein Weg, den mein Körper noch kennt, obwohl so viele Jahre vergangen sind. 1989 bin ich ihn zum ersten Mal gegangen. Damals standen dort noch Baracken, bevor nur ein Jahr später das Oberstufengebäude gebaut wurde. Ich war neu an der Immanuel-Kant-Schule. Herr Hunger war mein Klassenlehrer.
Manche Orte verändern sich. Andere bleiben in uns stehen.
Ich betrete das Foyer. Rechts liegt die Aula. Links öffnet sich die Wand.
Neun Meter lang. Drei Meter hoch. Ein keramisches Relief von Diether Ritzert aus dem Jahr 1969, dem Jahr der Fertigstellung der Immanuel-Kant-Schule. Gebrannt wurde es von der Firma Keramag, damals in Flörsheim ansässig.
Das Werk hat keinen Titel.
Vielleicht ist genau das seine Stärke. Es erklärt sich nicht. Es zwingt niemandem eine Lesart auf. Es steht da, groß, dunkel, farbig, rau, gebrannt und lässt Raum für das, was man selbst darin sieht.
Eine Wand aus Feuer und Erde



Keramik ist Erde, die durch Feuer gegangen ist.
Vielleicht wirkt dieses Relief deshalb bis heute so stark auf mich. Es besteht aus Platten, Flächen, Brüchen, Linien, Verschiebungen. Rot, Schwarz, Ocker, Weiß, verbrannte Töne. Manche Stellen glänzen, andere wirken stumpf, rau, fast verwundet. Die Formen stoßen aneinander, schneiden sich, schieben sich übereinander. Nichts daran ist bequem. Nichts beruhigt.
Für mich war diese Wand nie einfach abstrakt.
Ich habe darin immer Spannung gesehen. Zerrissenheit. Bewegung. Eine Welt, die nicht heil ist, aber trotzdem eine Ordnung sucht. Ich weiß, dass das meine persönliche Deutung ist. Das Relief erzählt keine eindeutige Geschichte. Es zeigt keinen Krieg, keine Figuren, keine Ruinen.
Und doch hatte es für mich immer die Kraft eines Bildes, das mehr meint als Form.
Ritzert und Rüsselsheim
Diether Ritzert gehört zu den wichtigen Künstlerpersönlichkeiten Rüsselsheims.
Er wurde 1927 in Kamen geboren, starb 1987 in Rüsselsheim und war als Maler und Grafiker eng mit der Stadt verbunden. Rüsselsheim war für ihn nicht nur Wohnort, sondern künstlerischer Bezugspunkt. Er gehörte zu jener Generation, die nach dem Krieg neue Formen suchte, neue Bildsprachen, neue Möglichkeiten, das Erlebte und das Gegenwärtige sichtbar zu machen.
Ritzert war auch Teil des kulturellen Lebens der Stadt. Er war Mitbegründer des Malkastens Rüsselsheim und erhielt 1986 den Kulturpreis der Stadt Rüsselsheim. Damit steht sein Name nicht nur für ein einzelnes Werk, sondern für eine ganze Phase, in der Kunst in Rüsselsheim sichtbar, öffentlich und ernst genommen wurde.
Seine Arbeiten bewegen sich zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit, zwischen Fläche und Figur, zwischen innerer Ordnung und sichtbarer Erschütterung. Er suchte nicht das Glatte. Er suchte die Spannung darunter.
In der Kantschule wurde diese Spannung zu einer Wand.
Der Lehrer, der Schutz gab
Die Verbindung zwischen Ritzert und der Immanuel-Kant-Schule führt zu einer Geschichte, die tiefer reicht als Kunst am Bau.
Ritzert desertierte während des Zweiten Weltkriegs. Unterschlupf fand er bei seinem ehemaligen Lehrer Dr. Julius Simon. Simon gehört heute zu den leuchtenden Vorbildern der Stadt. Er ist mit der Geschichte der Schule verbunden und wurde zu einem Namen, der für Haltung, Menschlichkeit und Mut steht.
Diese Geschichte verändert den Blick auf das Relief.
Denn plötzlich hängt dort nicht nur ein Werk eines Rüsselsheimer Künstlers. Es hängt dort ein Werk von jemandem, dessen Leben selbst mit einer Entscheidung gegen Krieg, Zwang und Unmenschlichkeit verbunden war. Und diese Verbindung führt zurück zu einem Lehrer, der Schutz gab, als Schutz gefährlich war.
Eine Schule ist nicht nur ein Gebäude.
Sie ist auch das, wofür Menschen eingestanden sind.
Links die Aula, rechts die Wand
Als Schüler bin ich unzählige Male an diesem Relief vorbeigegangen.
Morgens müde.
Mit dem Stundenplan im Kopf.
Mit Klassenarbeiten im Bauch.
Mit Pausen, Freundschaften, Unsicherheiten.
Mit diesem unruhigen Gefühl, noch nicht zu wissen, wer man ist.
Rechts die Wand.
Links die Aula.
Dazwischen mein Weg.
Vielleicht habe ich das Relief damals nicht jedes Mal bewusst angesehen. Aber es war da. Es gehörte zum Foyer wie das Licht, die Geräusche, die Schritte, die Stimmen.
Heute glaube ich, dass manche Bilder lange in uns arbeiten, bevor wir sie verstehen. Sie legen sich nicht sofort offen. Sie werden Teil eines inneren Archivs. Erst später, wenn man zurückkehrt, erkennt man, dass sie einen begleitet haben.
Diese Wand hat mir vielleicht früh gezeigt, dass Kunst nicht schön sein muss, um wahr zu sein.
Dass Abstraktion nicht Flucht bedeutet.
Dass Formen eine Haltung tragen können.
Dass ein Bild schweigen und trotzdem nicht gleichgültig sein kann.
Ein verborgenes öffentliches Werk
Das Relief ist keine Kunst im öffentlichen Raum im klassischen Sinn.
Es steht nicht auf einem Platz. Es ist nicht jederzeit zugänglich. Wer schulfremd ist, darf das Gebäude nicht einfach betreten. Und doch ist es eines der stillen großen Bilder Rüsselsheims.
Seit 1969 sind Generationen daran vorbeigegangen. Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte, Eltern, Hausmeister, Abiturjahrgänge, neue Fünftklässler, müde Oberstufenschüler, Menschen, die hier gelernt, gehofft, gelitten, gefeiert und sich verändert haben.
Über Jahrzehnte hinweg so viele, dass aus ihren Blicken längst eine Stadt geworden ist, ungefähr so groß wie Rüsselsheim selbst.
Das ist die besondere Kraft von Kunst am Bau. Sie wartet nicht darauf, dass man sie besucht. Sie begleitet den Alltag. Sie wird Teil von Wegen. Von Schulgeruch. Von Licht aus Oberlichtern. Von Schritten auf dem Boden. Von Erinnerungen, die man erst Jahre später wiederfindet.
Was ein Bild verlangen kann
Am Ende denke ich an Picasso.
Nicht, weil Ritzerts Relief wie Guernica aussieht. Nicht, weil es dieselben Motive zeigt. Nicht, weil ich behaupten würde, dass Ritzert hier dasselbe Thema bearbeitet hat.
Der Bezug entsteht für mich durch die Wirkung. Durch die Haltung, die ich in diesem Werk lese.
Picasso sagte im Zusammenhang mit Guernica sinngemäß, dass ein Künstler, der mit geistigen Werten lebt und umgeht, angesichts eines Konflikts, in dem die höchsten Werte der Humanität und Zivilisation auf dem Spiel stehen, nicht gleichgültig bleiben kann.
Genau deshalb wurde dieses Relief für mich zu meinem persönlichen Guernica.
Nicht als Vergleich der Bilder.
Sondern als Vergleich der inneren Verpflichtung.
Ich sehe in Ritzerts Wand keine eindeutige Anklage, keine erzählte Szene, kein historisches Dokument. Aber ich spüre darin eine Weigerung, die Welt glatt zu machen. Eine Weigerung, Brüche zu verschweigen. Eine Weigerung, Kunst nur als Dekoration zu verstehen.
Gebrannt in Erinnerung
Ich komme heute nicht mehr als Schüler zurück.
Ich komme als Künstler. Als jemand, der Orte liest. Als jemand, der fragt, welche Bilder eine Stadt in ihre Gebäude gelegt hat und was sie dort über Jahrzehnte bewahren.
Vor Ritzerts Relief sehe ich eine Linie.
Von Krieg zu Schule.
Von Desertion zu Schutz.
Von Julius Simon zu Diether Ritzert.
Von Keramag in Flörsheim zu einer Wand in Rüsselsheim.
Von 1969 zu meinem ersten Schultag 1989.
Von einem namenlosen Relief zu einem Bild, das für mich nie namenlos war.
Es ist keine Kunst, die laut spricht. Aber sie schweigt auch nicht.
Sie steht dort, gebrannt in Keramik, gebrannt in eine Schule, gebrannt in meine Erinnerung.
Und sie erinnert mich daran, dass Bildung mehr sein muss als Unterricht.
Bildung bedeutet auch, hinzusehen.
Auf die Brüche. Auf die Geschichte. Auf die Verantwortung. Auf die Menschlichkeit.