22. April 2026

DIE INSEL DES PAN

Als der Weg plötzlich wieder Kindheit wurde

Ein schöner Frühlingstag. Ich laufe zur Böcklinstraße, und noch bevor ich das Kunstwerk wirklich sehe, ist da schon etwas anderes: Erinnerung. Ich glaube, ich war seit meiner Kindheit nicht mehr hier. Damals lief ich über diese Wiese, wenn ich meinen kleinen Bruder vom Kindergarten abholen musste. Es war einer dieser Wege, die man nicht vergisst, auch wenn man lange nicht mehr dort war.

Und nun steht hier ein Felsen. Schwer, fremd, fast so, als hätte sich ein Stück Landschaft in den Alltag verirrt. Darauf sitzt Pan.

Mit „Die Insel des Pan“ hat die Bildhauerin Birgit Feil an der Wohnanlage Böcklinstraße 1–3 ein neues Kunstwerk im öffentlichen Raum geschaffen. Im Zentrum steht eine lebensgroße Figur des Pan aus Bronze auf einem Naturstein. Die Arbeit nimmt Bezug auf Arnold Böcklin (1827–1901), den Schweizer Symbolisten, dessen Werk von Mythos, Natur und jenen Zwischenräumen lebt, in denen das Reale zu träumen beginnt. 

Pan sitzt nicht still, er wartet

Pan ist keine harmlose Figur. In der griechischen Mythologie ist er der Gott der wilden Natur, der Hirten und Herden, der Berge und der rustikalen Musik. Er trägt Hörner, Ziegenbeine und die Flöte — eine Gestalt zwischen Mensch und Tier, zwischen Verlockung und Unruhe. In ihm lebt nicht die Ordnung, sondern das Ungebändigte. 

Gerade deshalb sitzt er hier richtig. Nicht im Museum, nicht hinter Glas, sondern auf einer Wiese zwischen Häusern, Wegen und Blickachsen. Pan bringt etwas Archaisches in einen Raum, der sonst vor allem funktional lesbar wäre. Er erinnert daran, dass unter jeder geordneten Oberfläche noch etwas anderes liegt: Landschaft, Erinnerung, Mythos.

Ein Straßenname beginnt zu atmen

Dass Pan ausgerechnet in die Böcklinstraße blickt, ist mehr als eine formale Setzung. Arnold Böcklin war ein Maler, der Natur nie bloß als Natur verstand. Seine Bilder sind aufgeladen mit mythischen Wesen, dunklen Übergängen und symbolischen Landschaften. Im Laufe seines Werks rückten gerade solche Figuren und Szenerien immer stärker ins Zentrum. Böcklin malte keine Welt, wie sie ist. Er malte eine Welt, in der Sichtbares und Unsichtbares ineinander übergehen. 

So wird die Straße selbst zum Resonanzraum. Der Name an der Hauswand ist plötzlich nicht mehr nur Benennung, sondern Echo.

Warum Böcklin Inseln brauchte

Inseln spielen bei Böcklin eine besondere Rolle, weil sie in seinem Werk keine bloßen Orte sind, sondern seelische Zustände. Sein berühmtestes Motiv ist die „Toteninsel“, die er in fünf Versionen malte. Später schuf er mit der „Lebensinsel“ ein Gegenbild. Inseln werden bei Böcklin damit zu Bildräumen für Übergänge: zwischen Leben und Tod, Nähe und Ferne, Traum und Bewusstsein. Das ist eine Deutung, aber sie liegt in diesen Werken selbst bereits angelegt. 

Vielleicht passt deshalb auch diese Arbeit so gut hierher. Der Felsen liegt nicht einfach in der Wiese. Er ragt aus ihr heraus wie eine kleine Gegenwelt. Eine Insel im Quartier. Ein Ort, der nicht ganz zum Gewohnten gehört und gerade dadurch Bedeutung erzeugt.

Zwischen Rede, Ritual und öffentlichem Raum

Die Gäste sind versammelt. Herr Regenstein, Geschäftsführer der gewobau, hält die Eröffnungsrede. Danach spricht Karl-Heinz Becker, Vorsitzender des Kunstvereins und Teil der Jury des Kunstwettbewerbs im Malerviertel. Man spürt, dass dieser Wettbewerb inzwischen mehr ist als ein Einzelereignis. Was in den 1990er Jahren mit „Erinnern und Vergessen“ begann, wird weitergeführt — als fortlaufende Einschreibung von Kunst in ein Wohngebiet, das sich über die Jahre ein eigenes kulturelles Gedächtnis geschaffen hat. Die gewobau hatte den Wettbewerb 2025 ausgeschrieben, acht Entwürfe wurden eingereicht, die Jury entschied sich einstimmig für „Die Insel des Pan“. Zugleich ist bereits die nächste Ausschreibung für die Moritz-von-Schwind-Straße angekündigt. 

Während sich die Anwesenden um das Werk versammeln, erzählt Herr Regenstein von der Fortsetzung dieser Reihe. Und genau darin liegt etwas Wichtiges: Kunst im öffentlichen Raum ist kein beiläufiges Extra. Sie ist eine Haltung. Sie zeigt, dass ein Quartier mehr sein kann als Wohnfläche.

Wenn Kunst nicht nur stehen, sondern wirken soll

Auch Oberbürgermeister und Kulturdezernent Patrick Burghardt spricht darüber, wie wichtig es ist, Kunst zugänglich zu machen und solche Projekte zu unterstützen. Dass in diesem Zusammenhang auch Initiativen wie meine ArtMap als Teil eines kulturellen Gedächtnisses wahrgenommen werden, freut mich besonders. Denn Kunst im öffentlichen Raum braucht nicht nur Orte, sondern auch Aufmerksamkeit.

Genau darum geht es:

dass Kunst nicht nur aufgestellt, sondern auch gelesen wird.

Dass sie nicht nur da ist, sondern bleibt.

Wie Birgit Feil sich dem Mythos nähert

Im Anschluss spricht Birgit Feil selbst über ihre Annäherung an das Sujet, über ihre Ideen und über die Auswahl der Materialien. Feil, geboren 1965 in Stuttgart, studierte an der Freien Kunstschule Stuttgart sowie an der Hochschule der Künste Berlin, wo sie auch ihren Meisterschülerabschluss machte. Sie lebt und arbeitet in Leonberg-Warmbronn. 

Besonders schön ist, wie konkret und zugleich sensibel ihr Zugang zu diesem Werk ist. Den Felsen hat sie nicht einfach ausgewählt, weil er groß genug oder formal passend war. Sie hat ihn selbst im Steinbruch ausgesucht — und sie entschied sich für einen Stein, der bereits gelebt hatte, einen Felsen mit Moos, mit Spuren, mit Oberfläche, mit Geschichte. Nicht ein neutraler Block, sondern ein Körper, der schon etwas in sich trug.

Nachdem die Steine gesetzt worden waren, war sie erneut vor Ort und nahm einen Negativabdruck der idealen Sitzposition. So entstand nicht nur ein Sockel für die Figur, sondern ein Ort, an dem sich Körper, Stein und Skulptur organisch begegnen. Nichts wirkt hier aufgepfropft. Alles sucht die harmonische Vereinigung von Material, Form und Anwesenheit.

Vielleicht ist genau das der Grund, warum ihre Annäherung an Pan funktioniert: Sie macht aus der Mythologie kein bloßes Zitat. Sie macht aus ihr Gegenwart.

Was auf der Wiese zurückbleibt

Mich berührt an dieser Arbeit vor allem, wie sie Zeiten übereinanderlegt. Da ist die Wiese meiner Kindheit. Da ist der Weg, den ich längst vergessen glaubte. Da ist plötzlich dieser Felsen, dieser Pan, dieser Blick in die Böcklinstraße. Und mit einem Mal wird ein vertrauter Ort wieder fremd — aber auf gute Weise.

So funktioniert Kunst manchmal:

Sie fügt einem Ort nicht einfach etwas hinzu.

Sie legt frei, was längst in ihm verborgen war.

„Die Insel des Pan“ ist deshalb nicht nur eine Skulptur. Sie ist eine kleine Verschiebung im Stadtraum. Eine Insel im Gewöhnlichen. Ein mythologischer Fremdkörper, der den Alltag nicht verschönert, sondern vertieft. Sie erinnert daran, dass selbst dort, wo wir früher einfach nur vorbeigelaufen sind, plötzlich etwas auftauchen kann, das bleibt. 

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