5. Juni 2026
CASA IRUPÈ
Wo aus Ton Erinnerung wird
Ein Wiedersehen im Pförtnerhäuschen
Mein heutiger Artsbesuch führt mich erneut ins Opel Altwerk. Genauer gesagt in das ehemalige Pförtnerhäuschen am Eingang des Werksgeländes.
Als ich fünfzehn Jahre alt war, habe ich diesen Ort zum ersten Mal betreten. Damals saß hinter dem Fenster noch ein Pförtner, der darüber entschied, wer das Werk betreten durfte und wer nicht. Für mein erstes Schulpraktikum in der Opel-Lehrwerkstatt erhielt ich hier meinen Besucherausweis. Das kleine Gebäude war ein Übergang zwischen Außenwelt und Fabrik, zwischen Jugend und Arbeitswelt.
Heute führt mich derselbe Weg an denselben Ort. Doch statt nach Maschinenöl riecht es nach Ton. Wo früher Anmeldungen bearbeitet wurden, stehen heute Töpferscheiben, Regale voller Keramiken und Menschen, die mit ihren Händen gestalten.
Hier befindet sich heute Casa Irupé, die Werkstatt von Magdalena Schiller-Solti.
Und für mich ist es nicht das erste Wiedersehen.


Die Frau hinter Casa Irupé
Kennengelernt habe ich Maggie bereits an ihrem früheren Standort in der Böllenseesiedlung. Dort habe ich selbst die Grundlagen des Töpferns gelernt und erlebt, wie aus einem unscheinbaren Klumpen Ton langsam eine Form entsteht.
Maggie wurde in Argentinien geboren und wuchs in der Provinz Buenos Aires auf. Sie studierte Englisch und Spanisch, doch die Arbeit mit Ton begleitete sie schon lange davor. Ihre ersten Berührungen mit dem Material reichen bis in die Kindheit zurück






Das eigentliche Töpfern lernte sie später in Buenos Aires. Nicht in einer Kunstakademie oder einer großen Werkstatt, sondern in einer kleinen Garage. Zwei Töpferscheiben, fünf Menschen und regelmäßige Treffen genügten, um eine Leidenschaft zu entfachen, die sie bis heute begleitet.
Wenn Maggie davon erzählt, spürt man schnell, dass es ihr nie nur um Technik ging. Das Töpfern wurde für sie zu einer Sprache, mit der sich Erinnerungen, Erfahrungen und Identität ausdrücken lassen.
Zwischen Argentinien und Rüsselsheim
Der Weg nach Deutschland begann der Liebe wegen.
Nach ihrem Studium führte er sie zunächst nach Mainz, wo sie Englische Literatur studierte. Gemeinsam mit ihrem Mann kehrte sie anschließend noch einmal nach Argentinien zurück, bevor beide beschlossen, ihr Leben dauerhaft in Deutschland aufzubauen.
Schließlich landeten sie in Rüsselsheim.
Hier entstand langsam der Wunsch, wieder mit Ton zu arbeiten. Zunächst in einer Töpferei in Frankfurt, wo Maggie Erfahrungen sammeln und ihr handwerkliches Können weiter vertiefen wollte. Die Inhaberin der Werkstatt erkannte ihr Potenzial und ermutigte sie schließlich dazu, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen.
Ein Schritt, der zur Gründung von Casa Irupé führte.
Warum Casa Irupé?

Der Name ist mehr als eine Bezeichnung.
Im spanischsprachigen Raum tragen Häuser häufig eigene Namen. Sie werden dadurch zu mehr als bloßen Gebäuden. Sie werden zu Orten mit Persönlichkeit, Geschichte und Erinnerung. Wer von einem solchen Haus spricht, spricht oft zugleich von den Menschen, die dort gelebt haben.
Casa Irupé war der Name des Hauses ihrer Großmutter.
Das Irupé ist eine südamerikanische Wasserpflanze mit großen schwimmenden Blättern und auffälligen Blüten. Für Maggie verbindet dieser Name Kindheitserinnerungen, Herkunft und Familie.
Während die eine Großmutter dem Haus ihren Namen gab, weckte die andere ihre Neugier für Kunst, Kreativität und das Gestalten.
Beide leben heute auf ihre Weise in der Werkstatt weiter.
Die fünf Elemente
Besonders faszinierend finde ich Maggies Blick auf das Töpfern.
Sie beschreibt es als eine Kunstform, die alle Elemente miteinander verbindet.
Erde bildet den Ausgangspunkt. Wasser macht den Ton formbar. Luft lässt ihn trocknen. Feuer vollendet die Verwandlung im Brennofen.
Das fünfte Element entsteht vielleicht erst durch den Menschen selbst. Durch die Hände, die formen. Durch die Erinnerungen, die in den Objekten weiterleben.
Wer Maggie zuhört, merkt schnell, dass Töpfern für sie weit mehr ist als die Herstellung von Gebrauchsgegenständen. Es ist ein Prozess des Erinnerns. Ein Dialog zwischen Herkunft und Gegenwart.
Vielleicht erklärt das auch, warum ihre Werkstatt so viele Menschen anzieht.
Gemeinschaft statt Einzelwerkstatt
Casa Irupé ist längst mehr als die Werkstatt einer einzelnen Keramikerin.
Mit Rudy Benita Dure Centurion hat Maggie eine wichtige Weggefährtin gefunden. Rudy stammt ursprünglich aus Paraguay und hat das Töpfern in Rüsselsheim gelernt. Heute unterstützt sie die Kurse, begleitet Projekte und ist zu einer unverzichtbaren Stütze der Werkstatt geworden.
Mit ihrer offenen und herzlichen Art schafft sie schnell eine Atmosphäre, in der sich Menschen willkommen fühlen. Gleichzeitig bringt sie einen eigenen kreativen Blick in die Arbeit von Casa Irupé ein. Besonders das Skulpturale fasziniert sie – die Möglichkeit, Figuren, Formen und Ideen dreidimensional Gestalt werden zu lassen. Ihre Experimentierfreude und ihr Gespür für Formen bereichern die Werkstatt ebenso wie ihre Fähigkeit, Menschen zu motivieren und auf ihrem kreativen Weg zu begleiten.
Die beiden verbindet nicht nur die Liebe zum Handwerk, sondern auch ähnliche Erfahrungen von Migration, Neuanfang und dem Finden einer Heimat. Beide haben ihre Wurzeln in Südamerika, beide fanden ihren Weg nach Rüsselsheim und beide haben hier einen Ort geschaffen, an dem Kreativität, Austausch und Gemeinschaft wachsen können.
Diese Offenheit prägt die gesamte Atmosphäre der Werkstatt. Wer hierher kommt, lernt nicht nur ein Handwerk kennen, sondern wird Teil einer Gemeinschaft. So ist Rudy längst nicht mehr nur Unterstützung im Hintergrund, sondern ein prägender Teil der Seele von Casa Irupé.

Verwurzelt in Rüsselsheim
Obwohl Casa Irupé starke Wurzeln in Südamerika besitzt, ist die Werkstatt heute fest mit Rüsselsheim verbunden.
Maggie freut sich besonders über lokale Kooperationen und kreative Netzwerke innerhalb der Stadt. Gemeinsam mit Blumen Wiegand entstehen bereits Projekte, weitere Kooperationen sind in Planung und wer eine Idee für eine Zusammenarbeit ist immer willkommen im.
Solche Verbindungen zeigen, wie lebendig die Kulturszene in Rüsselsheim sein kann, wenn Menschen ihre Ideen miteinander teilen.
Es geht dabei nicht nur um Keramik oder Kunsthandwerk. Es geht um Begegnungen. Um Austausch. Um das gemeinsame Gestalten einer Stadt.
Ein Ort des Ankommens
Während draußen die Geschichte des Opelwerks in Stahl, Backstein und Industriearchitektur sichtbar bleibt, entstehen im ehemaligen Pförtnerhäuschen heute Dinge, die von Hand geformt werden.
Früher kontrollierte man hier den Zugang zur Produktion.
Heute finden Menschen hier Zugang zu Kreativität, Gemeinschaft und handwerklichem Wissen.
Als ich das Gebäude verlasse, denke ich daran, wie unterschiedlich meine beiden Besuche an diesem Ort waren. Mit fünfzehn betrat ich das Pförtnerhäuschen voller Neugier auf die Welt der Industrie. Heute begegne ich hier einer Künstlerin, deren Geschichte von Migration, Erinnerung und Kreativität erzählt.
Der Ort hat seine Funktion verändert.
Und doch ist er sich treu geblieben.
Denn noch immer ist das Pförtnerhäuschen ein Ort des Ankommens.