2. Mai 2026

BAROCKKREUZ

Das Kreuz am alten Eingang von Haßloch

Wo Wege sich erinnern

Am alten Ortseingang von Haßloch steht ein Wegekreuz aus rotem Sandstein. Es steht dort, wo sich früher wichtige Wege kreuzten: nach Rüsselsheim, nach Seilfurt, nach Mainz, nach Flörsheim, nach Raunheim. Ein Ort der Bewegung also. Ein Ort des Ankommens und Weitergehens.

Bevor Haßloch 1951 zu Rüsselsheim eingemeindet wurde, war dieser Punkt ein sichtbarer Übergang in das Dorf. Hier begann ein anderer Raum. Hier führte der Weg hinein in das alte Haßloch, zum Dalles, zur Wied, zu den Häusern, Höfen und Geschichten der Menschen, die hier lebten.

Das Kreuz war dabei mehr als ein religiöses Zeichen. Es war Orientierung. Schutz. Erinnerung. Ein stiller Wächter am Rand des Ortes.

Aus Stein, Glaube und Bewegung

Das Kreuz stammt aus dem Spätbarock. Diese Zeit liebte nicht das Starre, sondern das Bewegte. Nicht die kühle Form, sondern das Gefühl. In der barocken Kunst sollte der Schmerz sichtbar werden, der Glaube körperlich, das Unsichtbare greifbar.

Auch dieses Wegekreuz trägt diese Sprache in sich. Der Körper Christi ist nicht nur dargestellt, sondern empfindbar gemacht. Die Haltung, der Faltenwurf, die ausgebreiteten Arme, der gesenkte Körper — alles scheint von Schmerz, Hingabe und Hoffnung zu erzählen.

Der rote Sandstein gibt dem Kreuz eine besondere Wärme. Er wirkt nicht glatt oder fern, sondern erdig, verletzlich, gealtert. Regen, Wind, Zeit und Hände haben Spuren hinterlassen. So wird der Stein selbst zu einem Gedächtnis.

Solche Wegekreuze standen oft an Kreuzungen, Ortseingängen oder Feldwegen. Sie holten den Glauben aus der Kirche hinaus in den Alltag. Man begegnete ihnen auf dem Weg zur Arbeit, auf dem Weg nach Hause, auf Reisen, bei Prozessionen, in Momenten der Angst oder Dankbarkeit. Sie waren kleine Zeichen im großen Raum. Orte, an denen Menschen kurz innehalten konnten.

Ein Dach aus späterer Zeit

Ich erinnere mich noch gut an dieses Kreuz ohne Kupferdach.

Das Dach kam erst 1991 hinzu, gestiftet vom Verein „Kämpfer für ein freies Haßloch“. Seitdem schützt es die Figur und verändert zugleich ihre Erscheinung. Es fügt dem alten Stein eine neue Zeitschicht hinzu.

Für manche ist dieses Dach vielleicht nur ein Detail. Für mich zeigt es, dass Erinnerung weitergebaut wird. Dass ein Denkmal nicht einfach abgeschlossen ist. Es bleibt im Gespräch mit denen, die es sehen, pflegen, schützen und mit neuen Bedeutungen berühren.

Wenn Heimat sichtbar wird

Für mich ist dieses Kreuz mehr als ein historisches Denkmal.

Es ist der Moment kurz vor Zuhause.

Ich gehöre zur Generation der Gastarbeiterkinder. Im Sommer fuhren meine Eltern mit mir im Auto nach Marokko. 2362 Kilometer. Für sechs Wochen. Sechs Wochen Familie, Hitze, Stimmen, Meer, Staub, Gerüche, Herkunft.

Diese Reisen waren lang. Sie führten durch Länder, durch Nächte, durch Müdigkeit. Durch Raststätten, Grenzen, Fähren, überfüllte Kofferräume und dieses besondere Schweigen, wenn alle erschöpft waren und trotzdem wussten, warum sie unterwegs waren.

Und dann kam die Rückfahrt.

Wieder 2362 Kilometer. Zurück nach Deutschland. Zurück nach Rüsselsheim. Zurück in den Alltag.

Wenn ich dieses Kreuz sah, wusste ich: Gleich biegen wir rechts ab ins Malerviertel.

Gleich sind wir zuhause.

Es war kein großes Ereignis. Niemand musste etwas sagen. Das Kreuz stand einfach da. Und in mir wurde es ruhig. Nach all den Straßen, nach all den Kilometern, nach all dem Dazwischen war dieser Stein ein Zeichen: Die Reise ist fast vorbei.

Zwischen Herkunft und Ankommen

Heute verstehe ich, warum mich dieses Kreuz so berührt.

Es steht an einer Grenze, ohne eine Grenze zu sein. Zwischen Straße und Ort. Zwischen Ferne und Nähe. Zwischen Weggehen und Heimkommen.

Für andere erzählt es von Glauben, vom alten Haßloch, von barocker Frömmigkeit und regionaler Geschichte. Für mich erzählt es auch von Marokko. Von Rücksitzen. Von schlafenden Geschwistern. Von Eltern, die müde weiterfuhren. Von Kindern, die zwischen zwei Ländern aufwuchsen und lernen mussten, dass Heimat manchmal kein einzelner Ort ist, sondern ein Gefühl, das an bestimmten Punkten plötzlich sichtbar wird.

Dieses Kreuz war so ein Punkt.

Ein stilles Zeichen aus Sandstein, das mir sagte: Du bist wieder da.

Was bleibt

In der ArtMap geht es mir um Orte, an denen Stadtgeschichte und persönliche Erinnerung ineinanderfließen. Das spätbarocke Wegekreuz am alten Eingang von Haßloch ist genau so ein Ort.

Es trägt die Geschichte eines Dorfes, die Spuren einer religiösen Bildsprache, die Pflege durch Menschen vor Ort und meine eigene Erinnerung als Kind der Diaspora.

Vielleicht ist das die Kraft solcher Denkmäler: Sie stehen lange genug an einem Ort, bis verschiedene Leben an ihnen vorbeiziehen und etwas von sich dort lassen.

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