3. Mai 2026
BADENDE

Ein Körper aus Erinnerung
Im Eingangsbereich des Lachebads sitzt eine Frau.
Sie sitzt dort nicht wie ein Denkmal, das Abstand verlangt. Sie steht wie eine Erinnerung, die zurückgekehrt ist. Die „Badende“ des österreichischen Künstlers Pleschko entstand 1964, ist etwa 1,80 Meter hoch und wurde damals für 14.200 DM angekauft.
Eine Figur für ein Schwimmbad.
Ein Körper für einen Ort des Wassers.
Eine Skulptur für all jene, die hier gelernt haben, nicht unterzugehen.
Was 14.200 DM erzählen
Der Ankaufspreis von 14.200 DM war 1964 eine große Summe.
Nach der Kaufkrafttabelle der Deutschen Bundesbank entspricht 1 DM aus dem Jahr 1964 ungefähr 2,51 Euro in heutiger Kaufkraft. Die „Badende“ hätte damit inflationsbereinigt ungefähr 35.600 Euro gekostet.
Das macht sichtbar, welchen Stellenwert Kunst im öffentlichen Raum damals haben konnte. Für diese Summe hätte man 1964 in Rüsselsheim auch über Autos sprechen können. Einen Opel Rekord A gab es in der einfachen zweitürigen Ausführung für etwa 6.830 DM, ein Coupé mit 2,6-Liter-Motor kostete etwa 9.310 DM. Für den Preis der Skulptur hätte man also zwei einfache Rekord A kaufen können oder einen großen Opel Admiral, der damals bei etwa 12.200 DM lag.
In einer Opelstadt ist dieser Vergleich mehr als eine Zahl.
Er zeigt: Diese Figur war kein beiläufiger Schmuck. Sie war eine bewusste Entscheidung. Eine Stadt, die Autos baute, kaufte für ihr Bad eine Skulptur, die nicht fährt, nicht produziert, nicht beschleunigt — sondern bleibt.

Das Bad als öffentlicher Körper
Das Schwimmbad „An der Lache“ ist seit Jahrzehnten ein Ort des Rüsselsheimer Alltags. Heute besteht es aus einem Hallenbad und einem Freibad; das Hallenbad verfügt über ein 25-Meter-Kombibecken und ein Lehrschwimmbecken, draußen gibt es unter anderem ein 50-Meter-Becken, Nichtschwimmerbecken, Planschbecken, Liegewiesen und Spielbereiche.
Aber ein Bad ist nie nur Infrastruktur.
Ein Bad ist Chlorgeruch.
Nasse Haare.
Echo an den Fliesen.
Der erste Sprung.
Die Angst vor dem tiefen Wasser.
Die Hand am Beckenrand.
Das Gefühl, wenn der Körper plötzlich leichter wird.
Die „Badende“ passt genau an diesen Ort, weil sie den Körper nicht versteckt. Sie erinnert daran, dass Schwimmen etwas sehr Menschliches ist: verletzlich, frei, körperlich, fast archaisch. Im Wasser sind wir anders. Schwerelos und ausgeliefert zugleich.
Verschwunden und zurückgekehrt
Beim Abriss und Neubau des Lachebads wurde die Skulptur entfernt.
Das alte Bad verschwand. Auch das Mosaikbad konnte nicht gerettet werden. Im neuen Lachebad erinnert nur noch eine orange-rote Decke an das frühere Mosaik des alten Gebäudes.
Das ist schmerzhaft, weil öffentliche Kunst oft genau an solchen Übergängen verloren geht. Wenn Gebäude verschwinden, verschwinden nicht nur Mauern. Es verschwinden Oberflächen, Farben, Wege, Gerüche, kleine Rituale. Manchmal wird saniert, und dabei wird Erinnerung herausgerissen.
Doch die „Badende“ ist zurückgekehrt.
Sie empfängt heute wieder die Gäste im Eingangsbereich. Nicht mehr als Teil des alten Bades, aber als Zeugin. Als Figur, die beide Zeiten kennt: das frühere Lachebad und den Neubau. Den alten Ort und seine neue Form.
Wasser vergisst nicht alles
Die Geschichte des Lachebads ist auch eine Geschichte von Verlust und Streit. Das alte Hallenbad musste geschlossen werden, der Neubau wurde diskutiert, geplant, gebaut. Die Stadt entschied sich schließlich für ein kompaktes Sport- und Vereinsbad; nach Fertigstellung sollten das alte Hallenbad abgerissen und das Freibad saniert werden.
Gerade deshalb ist die Rückkehr der Skulptur so wichtig.
Sie macht den Neubau nicht rückgängig.
Sie ersetzt nicht das verlorene Mosaik.
Sie heilt nicht alles.
Aber sie hält eine Linie offen.
Sie sagt: Hier war schon einmal ein Bad. Hier waren schon einmal Menschen. Hier wurde schon einmal Kunst für diesen Ort geschaffen. Und nicht alles, was alt ist, muss verschwinden, nur weil etwas Neues entsteht.
Die Frau am Eingang
Ich stelle mir vor, wie viele Menschen an ihr vorbeigegangen sind.
Kinder mit Schwimmtaschen.
Eltern mit Handtüchern.
Vereinsmenschen am frühen Morgen.
Schülerinnen und Schüler im Schwimmunterricht.
Ältere Menschen, die ihre Bahnen ziehen.
Sommergäste mit Sonnencreme auf der Haut.
Vielleicht haben viele sie gar nicht bewusst gesehen. Vielleicht war sie einfach da. So wie gute Kunst im öffentlichen Raum manchmal nicht laut wirkt, sondern langsam. Sie wird Teil des Ortes, bis man erst bei ihrem Fehlen merkt, dass sie dazugehört.
Jetzt steht sie wieder dort.
Eine Badende am Eingang eines Bades.
Eine Figur aus dem Jahr 1964 in einem erneuerten Gebäude.
Ein stiller Körper, der daran erinnert, dass Wasser, Stadt und Erinnerung zusammengehören.