18. Mai 2026

ANDREA SIMON  / BELICHTUNGSMESSER 2

ZWISCHEN BETON UND LEERE

Ich habe heute Andrea Simon besucht.

Den Weg zu ihr kenne ich gut.
Denn er führt mich wieder ins Opel Altwerk.

Jedes Mal, wenn ich durch dieses Gelände laufe, habe ich das Gefühl, als würde die Stadt mit mir sprechen.
Durch Beton.
Durch Rost.
Durch die Stille zwischen den Hallen.

Orte wie dieser vergessen nichts.

Ich betrete das dritte Stockwerk im D-Bau.
2800qm Fläche.
Vom Eingang aus kann man bis ans Ende der Halle schauen.

Und trotzdem fühlt sich der Raum nicht kalt an.

Vielleicht, weil hier Menschen etwas hineingelegt haben.
Zeit.
Gedanken.
Hoffnung.

Vielleicht auch, weil man sofort merkt, dass es hier nicht nur um Kunst geht.

Sondern um Begegnung.

Die BELICHTUNGSMESSER 2 Biennale für Gegenwartskunst findet noch bis zum 14. Juni 2026 im Opel Altwerk in Rüsselsheim statt. 

Geöffnet ist Freitag, Samstag, Sonntag und an Feiertagen von 14 bis 18 Uhr. Der Eintritt basiert auf Spenden. Besucher:innen werden von Kunstvermittler:innen durch die Ausstellung begleitet. 


EIN MENSCH, KEINE INSTITUTION

Andrea empfängt mich mit einer Wärme, die sofort etwas öffnet.

Kein distanziertes Kuratorengespräch.
Keine inszenierte Wichtigkeit.

Ein ehrliches Willkommen.

Wir setzen uns.
Im Hintergrund betreten Besucher:innen die Ausstellung.
Man hört Stimmen. Schritte.
Menschen bleiben vor Arbeiten stehen.

Und obwohl ständig Bewegung um uns herum ist, nimmt sich Andrea Zeit.

Wirklich Zeit.

Noch bevor unser Gespräch richtig beginnt, kommt Maximilian Dünkel vorbei.
Auch er ist Gastgeber dieses Projekts.

Und man spürt schnell, dass beide etwas verbindet, das heute selten geworden ist:

Sie glauben noch daran, dass Kunst Menschen zusammenbringen kann.

Andrea erzählt vom ersten Treffen mit Maximilian.
Davon, dass er sofort gespürt habe, dass BELICHTUNGSMESSER genau hierher gehört.

Ins Altwerk. Zur Motorworld Manufaktur Rüsselsheim.

Und je länger ich dort sitze, desto klarer wird mir, warum.

Diese Biennale funktioniert nicht trotz dieses Ortes.

Sondern wegen ihm.


ANDREA

Je länger man Andrea zuhört, desto mehr versteht man, warum diese Ausstellung sich anders anfühlt.

Andrea Simon ist Kuratorin, Tänzerin, Choreografin, Filmemacherin und Künstlerin.

Aber eigentlich ist sie vor allem eines: Eine Zuhörende.

Jemand, der Räume lesen kann.
Menschen lesen kann.
Stimmungen lesen kann.

Seit Jahrzehnten arbeitet sie zwischen Tanz, Film, Installation und Gegenwartskunst.
Sie gründete Anfang der 90er ihr eigenes Tanzlabel TANZPLAN und entwickelte Projekte zwischen Bewegung, Körper und Raum. 

Andrea lebt heute im Taunus.

Doch wenn man ihr zuhört, merkt man schnell, dass sie eigentlich zwischen Welten lebt.

Zwischen Tanz und Stille.
Zwischen Bewegung und Raum.
Zwischen Menschen und ihren Geschichten.

Neben BELICHTUNGSMESSER arbeitet sie als Kuratorin der Kunstsammlung des Landratsamts Hofheim und ist Mitgründerin von artmaintaunus

Seit vielen Jahren entwickelt sie interdisziplinäre Ausstellungskonzepte zwischen Tanz, Installation und Gegenwartskunst.

Und plötzlich versteht man, warum sich die Ausstellung nicht statisch anfühlt.

Alles bewegt sich.

Nicht laut.
Nicht hektisch.

Eher wie ein Atem.

Die Arbeiten stehen nicht einfach nebeneinander.
Sie begegnen sich.

Blickachsen öffnen Räume.
Perspektiven verändern sich mit jedem Schritt.

Es wirkt fast, als würde die gesamte Ausstellung tanzen.

Andrea spricht ruhig.
Mit dieser Art von Ruhe, die nicht leer ist, sondern voller Erfahrung.

Und vielleicht berührt mich genau das so sehr:

Dass man spürt, wie viel Herz in diesem Projekt steckt.


HUNGER

Das Thema der Biennale lautet: HUNGER.

Ein Wort, das zunächst schwer klingt.

Doch Andrea spricht nicht nur von körperlichem Hunger.

Sie spricht von dem Hunger, den viele Menschen heute in sich tragen, ohne ihn benennen zu können.

Wir leben in einer Welt voller Reize.
Voller Konsum.
Voller Möglichkeiten.

Und trotzdem fühlen sich viele leer.

Andrea sagt, wir hätten verlernt, Leere auszuhalten.
Wir füllen jeden Moment.
Mit Bildern.
Mit Geräuschen.
Mit Ablenkung.

Aus Angst zu verhungern.

Doch vielleicht entsteht genau dort etwas Wichtiges:
in der Leere.

Vielleicht beginnt Sehnsucht genau dort.

Nach Nähe.
Nach Liebe.
Nach echten Gesprächen.
Nach Bedeutung.

Dieser Satz bleibt lange in mir hängen.

Vielleicht, weil ich glaube, dass viele Menschen genau diesen Hunger spüren.

Die BELICHTUNGSMESSER Biennale versteht HUNGER deshalb nicht nur politisch oder gesellschaftlich, sondern auch emotional und menschlich. 19 internationale und regionale Künstler:innen zeigen Arbeiten zwischen Installation, Performance, Fotografie, Video, Malerei und Objektkunst. 


WAS MAN NICHT SIEHT

Andrea erzählt von zwei Jahren Vorbereitungszeit.

Von Förderanträgen, den Unsicherheiten,der Suche nach Sponsor:innen.
Von Momenten, in denen nicht klar war, ob das alles überhaupt möglich sein würde.

Und genau darüber wird oft zu wenig gesprochen.

Wie viel unsichtbare Arbeit hinter solchen komplexen Projekten steckt.

Acht ehrenamtliche Unterstützer:innen arbeiten mit an der Biennale.
Dazu fünf Kunstvermittler:innen, die Besucher:innen durch die Ausstellung begleiten.

Die Künstler:innen verzichten auf Honorare. Nicht, weil Kunst nichts wert wäre.

Sondern weil Menschen manchmal an etwas glauben, das größer ist als sie selbst.

Und vielleicht ist genau das heute selten geworden.

Menschen, die etwas erschaffen, obwohl es einfacher wäre, aufzugeben.


KEIN WHITE CUBE

Die BELICHTUNGSMESSER Biennale ist kein steriler White Cube.

Sie ist roh.

Offen.
Lebendig.

Und vielleicht passt sie gerade deshalb so gut hierher.

Denn auch das Altwerk ist nicht perfekt.

Es trägt Erinnerungen in sich.
Arbeit.
Migration.
Geschichten von Familien.
Von Menschen, die hier ihr Leben verbracht haben.

Man spürt das.

Und genau dadurch entsteht etwas Besonderes:

Die Kunst wirkt hier nicht ausgestellt. Sie wirkt angekommen.


EIN LEUCHTTURM FÜR RÜSSELSHEIM

Während ich durch die Ausstellung laufe, denke ich immer wieder daran, wie wichtig solche Orte für eine Stadt sind.

Nicht  wirtschaftlich. Nicht touristisch. Menschlich.

Die BELICHTUNGSMESSER Biennale zieht Menschen von überall her nach Rüsselsheim.

Und vielleicht erkennt die Stadt irgendwann, welches Potential darin liegt.

Nicht als kurzfristiges Event. Sondern als kulturelles Herzstück.

Als Ort der Begegnung.
Des Nachdenkens.
Des Fühlens.

Denn genau das fehlt vielen Städten heute.

Räume, in denen Menschen wieder etwas spüren dürfen.

Vielleicht braucht auch eine Stadt manchmal genau das:

wieder Hunger.

BELICHTUNGSMESSER 2 – Biennale für Gegenwartskunst
Opel Altwerk Rüsselsheim / „im dritten – third floor“
 8. Mai – 14. Juni 2026
 Fr / Sa / So / Feiertage 14–18 Uhr
Eintritt auf Spendenbasis

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