11. Mai 2026

ADAM & SOPHIE OPEL RELIEF

Zwei Reliefs, die ich fast übersehen hätte

Das Schicksal des Alltäglichen

Manchmal übersehen wir Kunst nicht, weil sie zu weit weg ist.
Wir übersehen sie, weil sie zu nah ist.

Die beiden Reliefs von Adam und Sophie Opel gehörten für mich so sehr zum Alltag, dass ich sie irgendwann nicht mehr wirklich gesehen habe. Adam beim Reingehen. Sophie beim Nachhausefahren. Zwei Gesichter an zwei tragenden Pfeilern. Zwei stille Begleiter meiner Wege. Zwei Arbeiten, an denen mein Blick wahrscheinlich unzählige Male vorbeigestrichen ist, ohne stehenzubleiben.

Vielleicht ist genau das ein Teil des Schicksals von Kunst im öffentlichen Raum.

Sie ist da. Sie wartet nicht auf Eintrittskarten. Sie verlangt keine Öffnungszeiten. Sie hängt nicht im geschützten Weiß eines Museums. Sie lebt im Vorbeigehen.

Und gerade deshalb kann sie verschwinden, obwohl sie sichtbar ist.

Das erste Mal bewusst wahrgenommen habe ich die beiden Reliefs schon vor einigen Jahren bei einer Stadtrundfahrt, die Steffen Jobst, der Enkel des Bildhauers Heinrich Jobst, organisiert und moderiert hatte. Aber erst jetzt, durch meine Arbeit an der ArtMap, erinnerte ich mich wieder daran, wie sehr diese beiden Reliefs eigentlich zu meinem Alltag gehört haben.

Als hätte meine Erinnerung sie nicht vergessen, sondern nur abgelegt.
Zwischen Werkstor, Heimweg, Blickroutine und Stadtgeschichte.

1912 — Adam Opel und das Haus, das nach dem Feuer neu gebaut wurde

Über dem Relief von Adam Opel steht die Jahreszahl 1912.

Die Inschrift lautet:

„Dem Gründer des Hauses Adam Opel gewidmet von den Beamten zur 50-Jahr-Feier“

Adam Opel wurde 1837 in Rüsselsheim geboren. Nach seiner Schlosserlehre und Wanderjahren, unter anderem in Paris, kehrte er 1862 nach Rüsselsheim zurück und begann, selbstgefertigte Nähmaschinen zu bauen. Seine erste Werkstatt stand in der Rüsselsheimer Innenstadt, am heutigen Löwenplatz. Aus diesem Anfang entwickelte sich zunächst ein Nähmaschinen- und Fahrradunternehmen, lange bevor Opel zur Automarke wurde.

Die Jahreszahl 1912 verweist auf das 50-jährige Bestehen des Unternehmens seit der Gründung 1862. Aber sie steht auch in einer Zeit des Umbruchs. Denn nur ein Jahr zuvor, 1911, zerstörte ein großer Brand weite Teile der Opel-Fabrik. Danach wurde das Werk südlich der Bahnlinie in großen Teilen neu errichtet. Die Unternehmerfamilie gab in dieser Phase die Nähmaschinenproduktion, also den historischen ersten Produktionszweig, auf. Fahrrad- und Automobilproduktion wurden in größerem Maßstab weitergeführt; 1923/24 kam die Fließfertigung hinzu.

So bekommt dieses Relief für mich eine doppelte Bedeutung.

Es erinnert an den Gründer.
Aber es hängt in einer Zeit, in der das Gegründete gerade neu erfunden werden musste.

1912 ist deshalb nicht nur Jubiläum. 1912 ist auch Wiederaufbau. Ein Jahr nach dem Feuer, nach dem Bruch.
Ein Jahr, in dem aus Asche wieder Struktur wurde.

Adam Opel selbst hat die Automobilgeschichte seines Unternehmens nicht mehr erlebt. Er starb 1895. Aber sein Name blieb das Dach über allem, was danach kam: über Werkhallen, Schichten, Rädern, Motoren, Familienerzählungen und über einer Stadt, die sich über Jahrzehnte mit diesem Namen verschränkte.

1927 — Sophie Opel und die Frau, die zu wenig Denkmal bekam

Über dem Relief von Sophie Opel steht die Jahreszahl 1927.

Die Inschrift lautet:

„Dem Andenken der unvergesslichen Mitarbeiterin am Aufbau des Hauses Adam Opel Frau Sophie Opel gewidmet von ihren dankbaren Söhnen“

Sophie Opel wurde 1840 als Sophie Marie Scheller in Dornholzhausen geboren. Sie heiratete 1868 Adam Opel. Nach seinem Tod führte sie das Unternehmen gemeinsam mit ihren fünf Söhnen weiter. Unter Sophie und den Söhnen begann Opel 1898/1899 mit der Automobilproduktion — also mit jenem Schritt, der Rüsselsheim langfristig prägen sollte. Die Sophie-Opel-Schule beschreibt sie deshalb als Pionierin des Automobilbaus, als Frau mit Unternehmensgeist, Innovation und Tatkraft.

Und trotzdem bleibt da für mich eine Leerstelle.

Adam hat sein Denkmal. Adam hat den großen Namen.
Adam steht als Gründerfigur im Gedächtnis der Stadt.

Sophie aber, die nach seinem Tod Verantwortung trug, Entscheidungen mitprägte und das Unternehmen mit ihren Söhnen in eine neue industrielle Zeit führte, ist im öffentlichen Gedächtnis leiser. Nach ihr ist die Sophienpassage benannt, und dort wurde ihr Bild zuletzt auch künstlerisch aufgegriffen. Die Stadt führt sie außerdem seit 1998 in der Reihe der Leuchtenden Vorbilder.

Auch die Sophie-Opel-Schule, eine Kooperative Gesamtschule der Stadt Rüsselsheim am Main, trägt ihren Namen.

Aber ein Denkmal, wie Adam es hat, existiert für Sophie trotz ihres Wirkens nicht.

Vielleicht ist genau dieses Relief deshalb so wichtig. Es ist kein großes freistehendes Monument, keine städtische Geste im Zentrum, kein Ort, an dem man Kränze ablegt. Es ist eine Familienwidmung. Ein Dank der fünf Söhne an ihre Mutter.

Und vielleicht berührt mich das gerade deshalb.

Weil diese Inschrift etwas sichtbar macht, das sonst oft verschwindet:
dass Aufbau nicht nur mit Namen an Fassaden zu tun hat, sondern mit Menschen, die Verantwortung übernehmen, wenn etwas zerbricht.

Die fünf Söhne — Erinnerung in der Stadt verteilt

Die fünf Söhne von Adam und Sophie Opel waren Carl, Wilhelm, Heinrich, Fritz und Ludwig Opel. Gemeinsam mit Sophie führten sie das Unternehmen nach Adams Tod weiter und prägten den Übergang von der Nähmaschinen- und Fahrradproduktion hin zur Automobilgeschichte.

An die fünf Söhne erinnern in Rüsselsheim auf unterschiedliche Weise auch andere Spuren im Stadtraum: die Reliefs an der Brücke zwischen D-Bau und B-Bau und das Quintuplet von Uwe Wenzel am Stadtpark. Dieses Werk greift das historische Opel-Quintuplet auf — ein fünfsitziges Fahrradmodell — und wurde als Metallplastik nach Entwürfen von Uwe Wenzel ausgeführt.

Ich mag diese Verbindung.

Die fünf Söhne als Gedenktafeln, als Fahrrad, als Bewegung.
Als Übergang zwischen Familiengeschichte, Industriegeschichte und Kunst im öffentlichen Raum.

Und dazwischen Sophie.

Nicht als Randfigur, sondern als eine tragende Kraft, ohne die diese Geschichte anders erzählt werden müsste.

Heinrich Jobst — der Bildhauer, der Erinnerung Form gab

Geschaffen wurden die Reliefs von Heinrich Jobst.

Jobst wurde 1874 in Schönlind in der Oberpfalz geboren und starb 1943 in Darmstadt. Er war Bildhauer und Medailleur, wurde in München ausgebildet und 1906 von Großherzog Ernst Ludwig an die Darmstädter Künstlerkolonie berufen. Von 1907 bis 1914 gehörte er zur Künstlerkolonie auf der Mathildenhöhe. Seine Arbeiten bewegen sich zwischen Denkmal, Relief, Bauplastik und einer Formensprache, die Erinnerung nicht nur abbildet, sondern architektonisch verankert.

Das sieht man auch bei den Opel-Reliefs.

Sie sind keine losgelösten Porträts. Sie wirken wie kleine Fassaden. Wie Häuser für Gesichter. Gerahmt von Ornament, Schrift und architektonischer Strenge. Adam und Sophie erscheinen nicht zufällig an der Wand. Sie werden eingefügt in ein System aus Bau, Arbeit, Familie und Erinnerung.

Und vielleicht passt gerade Heinrich Jobst deshalb so gut zu Rüsselsheim: Seine Arbeiten stehen nicht nur herum. Sie verbinden sich mit Orten.

Steffen Jobst und der Moment des Wiedersehens

Dass ich die Reliefs vor einigen Jahren wirklich bewusst wahrgenommen habe, verdanke ich auch Steffen Jobst.

Er ist der Enkel von Heinrich Jobst, Diplom-Kommunikationsdesigner und selbst jemand, der sich immer wieder mit Stadt, Erinnerung und Opelgeschichte beschäftigt. In Rüsselsheim wurde er unter anderem mit Stadtführungen und Projekten rund um die Opel-Historie sichtbar; gemeinsam mit Carlo von Opel setzte er sich dafür ein, Opelgeschichte in Rüsselsheim greifbarer zu machen.

Bei dieser Stadtrundfahrt hat er meinen Blick auf die beiden Reliefs gelenkt.

Aber das Merkwürdige ist: Selbst nachdem man etwas einmal bewusst gesehen hat, kann es wieder im Alltag verschwinden.

Erst die ArtMap hat sie für mich zurückgeholt.

Vielleicht ist das die eigentliche Arbeit dieser Karte: nicht nur Orte zu sammeln, sondern Erinnerung zu reaktivieren. Einen inneren Stadtplan freizulegen. Zu fragen: Was hast du schon tausendmal gesehen, ohne es wirklich anzusehen?

Zwei tragende Pfeiler

Die Reliefs befinden sich an zwei tragenden Pfeilern.

Für mich ist das fast zu passend, um nur Zufall zu sein.

Adam und Sophie tragen hier nicht nur symbolisch eine Geschichte. Sie sind in eine Architektur eingelassen, die selbst vom Tragen erzählt. Von Last. Von Aufbau. Von Fundament. Von dem, was sichtbar ist, und dem, was im Hintergrund hält.

Adam: gewidmet von den Mitarbeitern.
Sophie: gewidmet von den Söhnen.

Das eine Relief erzählt von Arbeit.
Das andere von Familie.

Und beide zusammen erzählen von Rüsselsheim.

Nicht vollständig. Nicht widerspruchsfrei. Aber tief genug, um zu verstehen, warum diese Stadt ohne Opel nicht erzählt werden kann — und warum Opel ohne Sophie nicht vollständig erzählt ist.

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